#08 Devs in Beziehungen, zweiter Teil

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#08 Devs in Beziehungen, zweiter Teil
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Anna und Kjell unterhalten sich über die Rolle von Devness in romantischen und sexuellen Beziehungen und überlegen, ob die Devness endlich ist und was man tun kann, wenn man als Dev das Gefühl hat, im falschen Leben zu sein.

Anna: Hallo und herzlich Willkommen zu Rollirotik, dem Podcast zu Sexualität und Behinderung. Heute geht es weiter mit Teil 2 unseres Themas Devness in Beziehungen, weil wir das letzte Mal ein bisschen viel geredet haben und uns deshalb gedacht haben im Nachhinein: Jetzt teilen wir die Folge doch mal in zwei Teile. Los geht’s!
Bei Sexualpartnern, Sexualkontakten klingt ja immer so ein bisschen eine Unverbindlichkeit mit an. Und tatsächlich werde ich oft gefragt, wenn ich von der Devness erzähle, ob es nicht ausreichend wäre für mich das mit reinen Sexualkontakten auszuleben und außerhalb der sexuellen Ebene eben nicht. Wir hatten ja schon mal gesagt, dass die Devness auch noch andere Ebenen hat, aber die Frage kommt einfach immer wieder. Deswegen würde ich jetzt auch vielleicht noch mal was dazu sagen. Es gibt auf jeden Fall Leute, für die das ausreichend ist. Ich hab auch lange darüber nachgedacht, ob das für mich auch ausreichend sein könnte. Und ich glaub, da muss man halt auch erst ein bisschen experimentieren, um zu schauen was ist wirklich das, was einen glücklich macht im Leben. Es ist ja sowieso schon so schwierig, passende Partner zu finden in der Situation, sag ich mal, und klar wäre dann ein reiner Sexualkontakt wahrscheinlich einfacher zu finden und auch umzusetzen. Aber ob das ausreichend ist oder nicht, ist, glaube ich, wirklich eine individuelle Entscheidung, wo jeder selbst schauen muss, was für ihn da das Richtige ist.

Kjell: Ich hab dazu mal mit einer Frau gesprochen, die hat mir so erzählt: Hey, ich bin eines Tages aufgewacht, hab morgens in den Spiegel geschaut und ich hatte das Gefühl, ich bin im falschen Leben. Das fand ich erstmal eine interessante Formulierung, weil sie es tatsächlich genauso gesagt hat: Ich fühle mich im falschen Leben. Die war zu dem Zeitpunkt verheiratet, hatte Kinder mit einem Partner, der hatte keine Behinderung. Und sie hat eben gesagt: Ich verstehe mich als Dev, ich weiß, ich stehe auf behinderte Männer. Der Mann, den ich geheiratet habe, der bringt diese Eigenschaft nicht mit und irgendwie habe ich das Gefühl, ich bin irgendwo falsch abgebogen und ich weiß gar nicht, wohin mit mir. Ich stehe jetzt hier und irgendwie bin ich komplett im falschen Film. Dann hatten sie einfach auch dieses Gefühl, sie muss das jetzt ändern, obwohl sie wirklich gesagt hat, sie liebt ihren Partner. Sie findet den total toll, aber es fehlt einfach dieser für sie essentielle Aspekt und deshalb fühlt sie sich, als müsste sie jetzt ihr Leben grundsätzlich hinterfragen. Ist das für dich nachvollziehbar, Anna?

Anna: Schon, ja, ich kenne so eine ähnliche Situation auch und ich glaube, die Grundlage davon ist, dass man natürlich als auch Dev eine starke emotionale Bindung zu Menschen ohne Behinderung aufbauen kann. Da finde ich es nachvollziehbar, dass man auch trotz so einer, naja, in Anführungszeichen perfekten Beziehung, bei der eigentlich alles stimmt und man den Partner liebt und man einen guten Alltag zusammen hat, dass dann trotzdem der Wunsch entsteht, mit einem behinderten Partner zusammen zu sein, weil das vielleicht sich natürlicher anfühlt oder, wenn ich das jetzt mal aus meinem eigenen Erleben beschreiben würde, weil das irgendwie eher meiner wahrgenommenen Rolle im Leben entspricht. Also dass ich das Gefühl habe, neben einem behinderten Partner einfach mehr ich selbst zu sein.

Kjell: Versteh ich, klar. Jetzt hängt ja in so einem Fall im Zweifel da auch eine ganze Menge dran, also jetzt in dem Beispiel, das ich genannt habe, die Familie, der Partner, vielleicht die ganze eigene Existenz. Man hat möglicherweise zusammen ein Haus gebaut und sein soziales Umfeld und hat so irgendwie sein gemeinsames Leben aufgebaut und trotzdem scheint es vorzukommen, dass Menschen dann in so einer Situation sagen: Nein, dieses Gefühl, ich brauche diese Partnerschaft, ich brauche das in meinem Leben, ist jetzt so stark. Ich muss es jetzt verändern, egal was die Konsequenzen sind. Dieses Gefühl ist dann einfach da. Was würdest du denn jemandem raten, der jetzt in so einer Situation ist?

Anna: Die Frage, die man sich da stellt, ist natürlich, möchte man die Devness jetzt in die Realität bringen? Möchte man das in der Realität genauso umsetzen, wie man sich das vielleicht vorstellt? Da muss, wie schon gesagt, jeder eine individuelle Antwort darauf finden. Aber auf dem Weg, diese Antwort zu finden, hat man verschiedene Möglichkeiten vielleicht erstmal in einem, ich sag mal, sicheren Rahmen, Dinge auszuprobieren. Also die Devness wird da bleiben. Das ist auch was, man braucht jetzt glaube ich nicht darauf warten, dass die irgendwann weg ist, zumindest in meiner Erfahrung nicht und das heißt, man muss irgendwie einen Weg finden, damit im Leben umzugehen. Und einer der Wege, den man erstmal probieren kann, ohne gleich die gesamte Beziehung wegschmeißen zu müssen, ist ja zu schauen, ob es vielleicht ausreicht, das Ganze ein bisschen in Fiktion ausleben zu können, also zum Beispiel, indem man entsprechende Belletristik sich beschafft und in ruhigen Stunden mal konsumiert oder ob man vielleicht behinderte Menschen im Leben hat, zu denen man eher eine freundschaftliche Verbindung hält, aber wo man dann das Gefühl hat: Ok, ich mach hier was mit meiner Devness. Die Devness ist Teil meines Lebens, auch wenn es jetzt da nicht zu sexuellen Kontakten kommt. Und das kann man erstmal ausprobieren und dann kann man schauen, ob das Verlangen dadurch vielleicht weniger wird oder vielleicht sogar gestillt wird. Falls nicht, muss man dann halt schauen, also wenn man unglücklich ist, ist die Frage, wie setzt man das denn in der Realität um? Vielleicht gibt es dann auch noch irgendwelche Zwischenlösungen, dass man sagt okay, wir sprechen hier mal über ein Öffnen der Beziehung oder man sagt: Nein, ich mach jetzt hier einen Schlussstrich, geh auf Partnersuche. Da sind die Optionen natürlich vielfältig.

Kjell: Interessant, du hast gerade gesagt: So ist es ja nicht irgendwann zu Ende mit der Devness. Für mich persönlich ein sehr schockierendes Erlebnis war etwas, was ich jetzt mal als Endlichkeit von Devness bezeichnen würde: im Prinzip also die umgekehrte Situation von dem, was wir gerade besprochen haben. Dass jemand trotz dieser ausgeprägten Vorliebe und auch einer relativ klaren Aussage dazu, sich so zu fühlen und davon auch sehr überzeugt zu sein, irgendwann für sich feststellt: Ich finde das eigentlich gar nicht mehr so spannend und ich möchte was anderes in meinem Leben haben und das ist gar nicht das, was ich irgendwie mir erhofft und vorgestellt hatte. In so einer Situation dann zu sein ist, denke ich, nicht minder schwierig. Es ist ja auch so eine Art von: Ich wache auf und stelle fest, dass Dinge, die ich bisher als feste Überzeugung in mir hatte: Ich stehe auf Menschen mit Behinderung, fühle mich denen irgendwie emotional, sexuell verbunden, auf einmal nicht mehr da ist und dann, das war für mich dann in der Situation auch etwas, was ich lernen musste, für den Partner natürlich besonders schwierig. Gerade dieses Gefühl, etwas, was mich vorher für jemanden attraktiv gemacht hat, findet diese Person auf einmal überhaupt nicht mehr attraktiv und sieht dann auch nur noch die ganzen negativen Seiten davon und reibt mir die dann unter die Nase und sagt: Hey, das ist jetzt blöd, dass dieses nicht geht und dass das jetzt nicht geht und entscheidet sich dann auch irgendwann dazu, diese Beziehungen und diese Partnerschaft nicht mehr fortzuführen. War für mich sehr einschneidend und wie gesagt so ein bisschen die umgekehrte Situation. Offensichtlich kann es schonmal Situationen geben, in denen dieses Gefühl, diese Devness offensichtlich nachlässt. Hattest du sowas auch schonmal, Anna?

Anna: Ja, also eine Ferndiagnose ist da jetzt natürlich schwierig, aber ich kann für mich sagen, dass sich die Devness auf jeden Fall durch mein ganzes Leben zieht, also von der Kindheit angefangen bis zum heutigen Tag. Ich bin jetzt Anfang 30 und ich kann ziemlich sicher sagen, dass es in den letzten 25 Jahren immer da war. Allerdings, was ich auch sagen kann, ist, dass die Devness durchaus in der Intensität mal schwankt. Also, dass ich sie mal stärker und mal weniger stark empfinde. Das koinzidiert normalerweise mit dem aktuellen sexuellen Verlangen, mit der Libido, dass einfach in Zeiten, wo ich sowieso das Gefühl hab, sexuell aktiver sein zu wollen, dass dann auch die Devness eine viel größere Rolle spielt, einfach, weil die Devness so einen hohen Anteil meiner Sexualität ausmacht, dass es dann einfach immer kombiniert ist. Wie gesagt, mal weniger, mal mehr, aber eigentlich war sie, also nein, sie war nie ganz weg und ich hab diese Endlichkeit so nicht erlebt. Wobei man vielleicht auch sagen muss, dass es ja gerade bei Frauen auch durch verschiedene Lebensereignisse zu hormonellen Schwankungen kommt und wenn die Devness so sehr mit der Sexualität verbunden ist, kann ich mir vorstellen, dass es da durchaus über Zeiträume hinweg, die vielleicht auch mal ein bisschen länger als ein, zwei Wochen sind, zu so einem scheinbaren Nichtvorhandensein kommt.

Kjell: Ja, das macht Sinn. Ich hab mich auch mal mit einer Dev unterhalten, die für sich die bewusste Entscheidungen getroffen hatte, quasi ihr aktives Dev-Dasein aufzugeben. Das heißt, die hat sich ganz bewusst dazu entschieden, nicht im Sinne von ich empfinde jetzt so nicht mehr oder mich interessiert das nicht mehr, sondern für sich einfach festgelegt, ich möchte jetzt nicht mehr aktiv den Kontakt zu behinderten Männern suchen. In ihrem Fall: Ich möchte das nicht mehr ausleben. Einfach, weil sie so oft erlebt hatte, dass Beziehungen dann nicht funktioniert haben. So oft war es gar nicht, aber doch einige Male das erlebt hatte, dass sie auch eben recht eng mit ja Männern irgendwie in Beziehungen war, die für sie emotional auch sehr intensiv waren und die dann nicht funktioniert haben. Dann hat sie für sich gesagt: Ich kann und ich will das jetzt einfach nicht nochmal erleben, durch so ein Beziehungsende durchzugehen. Ich suche mir jetzt einen nichtbehinderten Partner und gründe mit dem eine Familie. Das hat sie dann auch durchgezogen und hat dann einfach gesagt: Das interessiert mich zwar weiterhin, aber nur noch theoretisch.

Anna: Ja, das kann ich auch nachvollziehen. Das kann ich wahrscheinlich auch mehr nachvollziehen als die Situation, die du vorher beschrieben hast. Weil wenn man sich einmal entschieden hat dazu, eine Beziehung zu einem behinderten Partner zu führen, dann investiert man da als Dev normalerweise auch sehr viel. Wenn man dann feststellt, dass die Realität in der Beziehung so halt nicht ist, wenn man dann Verletzungen kriegt und das hatte ich ja auch schon mal gesagt, dass zumindest in meiner Erfahrung die Verletzungen von Menschen mit Behinderung mir gegenüber einfach viel tiefer gehen und mich viel länger beschäftigen, als wenn da Personen involviert sind, die eben keine Behinderung haben. Da kann ich das durchaus nachvollziehen, dass man sagt: Woah, also ich brauch jetzt hier erstmal ein bisschen Abstand von dem Thema, ich kann mich hier nicht am laufenden Band in irgendwelche Beziehungen stürzen, die mich emotional sehr stark mitnehmen und dann irgendwie noch in angemessener Weise für den Partner da sein. Also ich kann mir vorstellen, dass sich diese Entscheidung, das aktive Dasein aufzugeben, auch mal wieder ändert, aber ich kann das total gut nachvollziehen, dass man sagt: Ok, jetzt erstmal nicht und ich hatte auch selbst in meinem Leben schon solche Phasen.

Kjell: Jetzt haben wir ganz viel über Widrigkeiten und Probleme und Herausforderungen gesprochen. Am Ende des Tages gibt es ja auch wirklich sehr viele dieser Beziehungen, die total toll und total erfolgreich werden, wo beide Seiten sich wirklich sehr, sehr wohlfühlen oder das zumindest über lange Phasen teilweise mehrere Jahre, so habe ich das erlebt, auch wirklich eine tolle Beziehung sind und beide das Gefühl haben, es gibt ihnen total viel. Da würde mich jetzt mal interessieren, Anna, was brauchst du persönlich denn, damit du dich als Dev in einer Beziehung angenommen und wohlfühlst?

Anna: Ja, das kann man schon sagen, dass die Devness auch für den Partner eine Herausforderung sein kann. Aber ich hab die Erfahrung gemacht und mit dem Wissen, dass ich das jetzt aus einer sehr privilegierten Position heraus sage, dass es eigentlich unverzichtbar ist, dass der behinderte Partner mit sich selbst und mit seiner Behinderung im Reinen ist und dass er damit auch den Umständen entsprechend offen umgeht, um das im Alltag auf alltäglicher, emotionaler und sexueller Ebene zu thematisieren. Also ich hab vorhin schon mal gesagt das ist vielleicht nicht so schön ist, wenn man als Dev das Gefühl hat, das verstecken zu müssen. Und ich hab mich einfach in den Situationen immer am wohlsten gefühlt, wo die Karten auf dem Tisch waren und ich auch wusste, dass das akzeptiert wird und mir nicht irgendwie nachher als Vorwurf gemacht wird. Wie wäre das bei dir, was sind für dich die Voraussetzungen, dass es da gut funktioniert in einer Beziehung mit einer Dev?

Kjell: Also für mich ist auf jeden Fall mal ganz wichtig Offenheit, das hast du ja auch angesprochen, aber diese Bereitschaft, darüber zu reden, dass die Partnerin dazu stehen kann, was sie da jetzt empfindet, was sie mag und dass sie darüber reden kann und das auch will. Denn ich hatte schon ein paar Mal gesagt für mich ist Kommunikation ganz entscheidend und ohne diese Kommunikation, ohne diesen Austausch, glaube ich, wird es umso schwieriger, so eine Beziehung dann auch über längere Strecken für beide Seiten mit der nötigen Sicherheit auszugestalten.

Anna: Das klingt doch nach guten Voraussetzungen, damit es dann im Alltag und auch im Bett klappt. Apropos Bett, beim nächsten Mal – Trommelwirbel – kommen wir dann auch endlich auf das Thema, das ihr alle schon seit der ersten Folge ungeduldig erwartet: Wie läuft das denn nun mit dem Sex in interabled Beziehungen? Das wird spannend! Außerdem planen wir auch noch eine FAQ-Folge, einfach, weil uns immer mal Fragen erreichen, die jetzt nicht so richtig in den Themenkontext einer einzelnen Folge passen. Also, wenn ihr dazu Fragen habt, wenn ihr irgendwas wissen wollt, vielleicht wenn ihr auch ein Thema nochmal aufgegriffen haben möchtet und wir dann nochmal ein bisschen tiefer reingehen sollen, dann sagt uns einfach Bescheid, schickt uns eure Fragen auf Facebook, Twitter oder auf unserem Blog rollirotik.com. Dort könnt ihr auch alle anderen Folgen nochmal nachhören. Und damit würden wir sagen: Bis zur nächsten Folge, macht’s gut!

Kjell: Tschüß!

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