#10 FAQ

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#10 FAQ
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Kjell und Anna beantworten eure häufigsten Fragen. Was genau reizt Anna an Menschen mit Behinderung? Kann Kjell Sex haben und gibt es eigentlich auch männliche Devs?

Kjell: Herzlich Willkommen zu Rollirotik, dem Podcast zu Sexualität und Behinderung. Wir feiern heute ein erstes Jubiläum mit 10 Folgen. Anna, hast du den Sekt denn schon geöffnet? 

Anna: Bin gerade dabei. Hallo auch von meiner Seite. 

Kjell: Ja, sehr schön. Na, bevor wir dann jetzt hier völlig dem Sektrausch verfallen, wollen wir natürlich noch wie angekündigt einige eurer Fragen beantworten in der heutigen Folge. Da hatten wir euch ja dazu aufgefordert, uns ein paar Fragen zu schicken. Das ist auch passiert. Vielen Dank dafür! Ich würde sagen, wir starten mal direkt. Anna, stell doch mal den Sekt weg und erzähl uns mal, was die erste Frage ist, über die wir heute sprechen wollen.

Anna: Genau, es gab eine Frage, die nicht nur jetzt im Rahmen des Podcasts, sondern auch sonst die mit Abstand am häufigsten gestellte Frage an Kjell ist. Und zwar ist das: “Kannst du Sex haben? Kjell, sag mal, bekommst du ihn eigentlich hoch?”

Kjell: Naja, eigentlich gibt es noch eine Frage, die noch häufiger gestellt wird. 

Anna: Ach, stimmt, jetzt wo du es sagst: “Wie schnell fährt der eigentlich?”

Kjell: Ja, so ist es. Die Frage habe ich, glaube ich, echt schon so oft beantworten müssen. Ja, also, eine Sache, die mir aufgefallen ist: Tatsächlich ist, dass es da durchaus einen Unterschied gibt, welche Fragen gestellt werden, je nachdem, ob ich es mit einem Mann oder mit einer Frau zu tun habe. Interessanterweise – viele Männer interessieren sich wirklich dafür: Wie schnell fährt denn der Rollstuhl und was kann der denn alles? Und wie oft muss man den aufladen? Und das ist dann eher so, ja – technisch motivierte Fragen. Während tatsächlich die Frage, die du erst gestellt hast, Anna, durchaus häufiger von Frauen kommt. Meistens ein bisschen paraphrasiert, also so ganz stumpf “Bekommst du ihn hoch?” wird da nicht gefragt. Aber dann vielleicht sowas wie “Kannst du eigentlich Kinder bekommen?” oder “Sag mal, wie ist denn das, betrifft denn deine Behinderung jetzt alle Körperteile?” Das ist dann natürlich immer relativ klar, was da eigentlich gefragt wird. Und ich kann zumindest in meinem persönlichen Erleben sagen, dass es da tatsächlich einen spürbaren Geschlechtsunterschied gibt. 

Anna: Jetzt bist du natürlich total geschickt beiden initialen Fragen ausgewichen. Also, zumindest bei der einen muss ich ja jetzt für unsere Hörer nochmal nachhaken: Kannst du Sex haben? 

Kjell: Um das Geschlechtsklischee dann auch zu erfüllen von deiner Seite her, musst du natürlich diese Frage stellen. Schon klar. Die Antwort ist aber ein Ja. Zwar würde ich schon sagen, dass meine Behinderung meine Körperfunktionen sonst ganz erheblich einschränkt, aber untenrum funktioniert das ganz gut. Das ist ja auch kein Muskel.

Anna: Mädels, ihr habt es gehört. 

Kjell: Apropos: Eine der Fragen, die ihr uns gestellt habt, war, ob es auch männliche Devs gibt. Anna, wie sieht es aus? 

Anna: Eigentlich ist diese Frage etwas ungewöhnlich, weil viel häufiger, zumindest im Internet viel häufiger diskutiert wird, ob es auch weibliche Devs gibt. Aber immerhin bin ich jetzt hier, und wir reden irgendwie seit 10 Folgen über meine sexuellen Vorlieben. Und alle wissen: Okay, es gibt mindestens die eine weibliche Dev und es gibt auch noch mehr. Aber ja, es gibt natürlich auch männliche Devs. Und normalerweise ist die allgemeine Wahrnehmung, dass es viel mehr männliche gibt als weibliche. So richtig schlüssige wissenschaftliche Erhebungen dazu gibt es leider nicht. Wir können mal in einer der kommenden Folgen darüber sprechen, was die Wissenschaft denn überhaupt so sagt zur Devness. Aber wenn man mich jetzt nach meiner Meinung und meinem Eindruck fragt, wäre es der, dass es ungefähr gleich viele männliche und weibliche Devs gibt. Sie tauchen eben nur unterschiedlich wahrnehmbar auf. Insgesamt habe ich immer den Eindruck, dass es für Frauen leichter ist, in so einer kümmernden, fürsorglichen Rolle akzeptiert zu werden. Da stellt niemand Fragen und das ist dann nicht ganz so ungewöhnlich, wenn man da einen Partner mit einer Behinderung hat.

Kjell: Ja, das impliziert natürlich auch wieder so eine bestimmte gesellschaftliche Sicht auf Behinderung. Das ist jetzt was, was ich zumindest für mich ablehnen oder vielleicht sogar umkehren würde. Ich bin eigentlich auch jemand, der sich ganz gerne kümmert, würde ich mal sagen, oder auch einfach sehr selbstständig ist. Da schwingen dann natürlich ganz schön viele Stereotypen mit, wenn wir da solche Reaktionen bekommen von anderen Leuten, die vielleicht denken, dass irgendwie eine weibliche Personen, die sich für einen Mann im Rollstuhl interessiert, immer aus so einer Kümmerer-Rolle kommt und das nie andersrum sein kann. Wie gehst du denn mit solchen Stereotypen um, Anna, wenn die dir begegnen.

Anna: Ich glaube nicht, dass alle Leute das denken, dass es ist immer gleich so eine Kümmer-Rolle ist. Es einfach nur vielleicht ein Grund dafür, dass da weniger hinterfragt wird. Wie ich damit umgehe? Ich versuche eigentlich immer sehr zu zeigen, dass ich jetzt hier nicht der Betreuer bin. Also wenn ich zum Beispiel gefragt werde, was mein Partner oder eben meine Begleitung möchte. Dann reagiere ich einfach gar nicht oder schau halt zu demjenigen, der eigentlich angesprochen sein sollte, hin. Außerdem bin ich – das hatten wir ja auch schon mal – ein großer Freund davon öffentlich zu zeigen, dass ich jetzt nicht die Assistentin bin. Zum Beispiel, indem ich eben ganz bewusst zeige, dass es da eine romantische Komponente gibt. So durch entsprechende Berührung zum Beispiel. Wenn ich Fragen gestellt bekomme dazu, dann beantworte ich die natürlich auch und versucht dann die, ja, “Vorurteile”, die da ein bisschen mitschwingen, ins richtige Licht zu rücken und zu erklären, wie es denn eigentlich ist. 

Kjell: Also sozusagen ein bisschen in die Offensive gehen und darüber auch klarmachen, wo du stehst. Denkst du denn, dass männliche Devs, über die wir ja angesichts der Frage jetzt sprechen, da ähnlich vorgehen können, oder brauchen die vielleicht einen anderen Ansatz? 

Anna: Na, ich denke, die können schon ähnlich vorgehen, obwohl ich nicht weiß… Vermutlich ist die Wahrnehmung von entsprechenden Paaren dann etwas anders, wo sozusagen der Mann der Dev ist. Auch beim Kennenlernen, denke ich, gibt es da vielleicht schon ein paar Unterschiede. Also zumindest in meiner Erfahrung ist es so, dass Frauen bei der Partnersuche ein weniger offensichtliches Vorgehen verfolgen. Also, dass da viel hinter den Kulissen passiert und man irgendwie vorsichtiger ist. Männer sind dann manchmal eher in der offensiven Rolle. Ich will jetzt hier überhaupt keine Geschlechterklischees befeuern. Das ist einfach so mein genereller Eindruck, den ich über die Jahre gewonnen habe. Da spielt aber auch mit rein, dass es vermutlich mehr Frauen gibt, die männliche Devs ablehnen, als Männer, die weibliche ablehnen. Und es deswegen auch zu mehr sichtbaren negativen Reaktionen gegenüber männlichen Devs kommt als gegenüber weiblichen. 

Kjell: Die Geschlechterklischees scheinen uns ja heute so ein bisschen zu begleiten. Ich glaube, das führt uns auch ganz gut zu dem Thema der nächsten Frage hin. Wir haben ja in der Vergangenheit, als wir darüber gesprochen haben, versucht, das Thema Devness insgesamt so ein bisschen als sexuelle Orientierung einzuordnen. Da habt ihr zumindest in den Kommentaren zu dieser Folge gefragt, ob das denn wirklich eine sexuelle Orientierung sein kann. Und vielleicht gehen wir auf die Frage nochmal ein. Anna, wie siehst du denn das? Ist das eine sinnvolle Klassifikation, Devness als sexuelle Orientierung zu sehen? 

Anna: Ja, die Frage bezog sich in den Kommentaren vor allem darauf, ob man, wenn man das so sagt, dass Devness eine sexuelle Orientierung ist, Behinderung nicht in eine Gender-Kategorie einordnet, in die sie eigentlich nicht gehört. Ich würde nicht sagen, dass dieses “Devness ist eine sexuelle Orientierung” jetzt eine allgemeingültige Aussage ist. Ich habe es nur einfach für mich immer so wahrgenommen, weil ich relativ viele Parallelen zu Homosexualität zum Beispiel festgestellt habe. Gerade so in meinen Anfangstagen, als ich gerade frisch vor mir selbst geoutet war sozusagen, hatte ich eine Freundin, die war lesbisch. Und das war eine der ersten, mit der ich mich so im echten Leben darüber ausgetauscht habe. Und sie hat total viel wiedererkannt von dem, was ich ihr erzählt habe. Gerade so im Rahmen vom Coming Out. Und hat gesagt, dass sie sehr überrascht ist, wie ähnliche Erfahrungen wir eigentlich damit gemacht haben, obwohl es ja doch relativ unterschiedliche Konzepte sind. Und ich möchte Behinderung jetzt nicht als Gender sehen. Aber ich bin insgesamt nicht so tief in dieser Genderdiskussion und ich versuche das halt einfach für mich einzuordnen. Und alle Alternativen, die so im Raum schweben, wie zum Beispiel Fetisch oder Neigung oder Vorliebe, greifen mir irgendwie zu kurz oder können das, was ich erlebe, eben nicht so richtig beschreiben. Wir hatten da in der ersten Folge ja schon mal drüber gesprochen. Da habe ich auch ein bisschen erklärt, warum ich das als sexuelle Orientierung sehe.

Kjell: Ich denke, da gibt es wahrscheinlich auch Leute, die das besser beantworten könnten als wir, die vielleicht sich auch näher mit diesen Begrifflichkeiten auseinandergesetzt haben. Da sag ich auch für mich selbst ganz ehrlich: Ich bin da in in meinem Verständnis bei einer schlüssigen Analogie, um für mich das Thema Devness besser einzuordnen. Ich könnte sicher auch mit anderen Begriffen leben. Letztlich finde ich das aber gar nicht so entscheidend, wie man das jetzt wirklich nennt. Es geht uns ja hier auch eher darum, die Mechanismen und auch die Auswirkungen dahinter ein Stück weit zu beleuchten. Da hilft uns vielleicht auch die nächste Frage weiter. Die geht jetzt wieder an dich, Anna. Da scheint das Interesse ganz groß, verständlich. Also, die Frage: Wie und wann hast du das mit der Devness denn genau gemerkt? 

Anna: Ich hab das versteckte Kompliment mitbekommen, Kjell, vielen Dank. Ja, die Frage – das ist eigentlich eine wirklich interessante Frage, die bekomme ich relativ häufig gestellt und die Antwort überrascht vielleicht, weiß nicht. Eigentlich war mir das schon immer klar. Das ist jetzt natürlich erstmal komisch. Wie kann mir sowas schon immer klar gewesen sein? Aber dieses Wissen, dass einfach, seit ich denken kann, es da so eine gewisse Faszination für Menschen mit Behinderung gab. Ja, das ist eigentlich schon immer da. Und es gab Kindheitserlebnisse, die mir jetzt noch sehr klar vor Augen sind. Und das, obwohl ich eigentlich in meiner kompletten Kindheit und Jugend keinen Kontakt zu – zumindest keinen engeren Kontakt zu – Menschen mit Behinderung hatte. Es hat also einfach deswegen auch ein bisschen gedauert, bis ich sozusagen eins und eins zusammengezählt hatte. Und überhaupt diese Verbindung, dass die Faszination einen sexuellen Hintergrund hat, das habe ich erst viel später erkannt. Das hat auch echt lange gedauert, irgendwie. Und da musste ich erst einige Beziehungen durchleben, die dann jedes Mal an der sexuellen Komponente gescheitert sind. Und irgendwann, als dann mal wieder so eine Beziehung gescheitert war, habe ich halt versucht herauszufinden, ob irgendwie das Problem in mir liegt. Und ich hab versucht herauszufinden, warum mir diese sexuellen Sachen da immer so schwer fallen. Und ich habe versucht, jetzt für mich selbst, ohne dass da jemand anders dabei war, sexuelle Gefühle zu erzeugen. Und habe dann beobachtet, dass eben unweigerlich diese, wie mir damals dann eingefallen ist, verdrängten Fantasien da waren, in denen es immer um Männer mit einer Behinderung oder irgendwie einem ungewöhnlichen Körper ging. Und dann hab ich doch mal gegoogelt und herausgefunden, dass ich da nicht die einzige bin. Und das war ja schon ein großer Schritt.

Kjell: Da bin ich jetzt aber mal neugierig. Das ist jetzt keine Hörerfrage. Aber wonach genau hast du denn da gesucht? Einfach “Ich finde Behinderte heiß” bei Google eingegeben oder wie hat das funktioniert? 

Anna: Naja, ein bisschen mehr Abstraktionsfähigkeit darfst du mir jetzt schon zutrauen. Also, relativ zeitig hatte ich die englische Wikipedia-Seite “Attraction to disability” gefunden. Ich will die hier überhaupt nicht empfehlen, aber es war eben einer meiner ersten Anlaufpunkte, wo ich gesehen habe: Das ist ein Thema, was bekannt ist. Und zusammen damit habe ich auch noch eine andere Seite gefunden, wo, ja, andere Frauen romantische Kurzgeschichten über Männer mit Behinderung geschrieben haben und ich hab die dann gelesen und dabei gemerkt: Das ist irgendwie total meine Wellenlänge. Ich fühle mich hier verstanden auf einer Ebene, die ich bisher mit niemandem teilen konnte. Und ich war überhaupt so überrascht, dass es jemanden gibt, der sowas schreiben konnte, was mich dann plötzlich und vielleicht sogar ein bisschen unerwartet so tief berührt hat.

Kjell: Du hast jetzt gerade in so einem kurzen Nebensatz, aber doch relativ rigoros, gesagt, dass du diese Wikipedia-Seite überhaupt nicht empfehlen kannst. Das klang, als hättest du da eine relativ stark ausgeprägte Meinungen dazu. Was genau stört dich denn an der Seite? Das klingt ja, als würde die einfach nur beschreiben, was wir auch im Podcast besprechen.

Anna: Leider nicht. Ich hab auch in Vorbereitung auf diese Folge mir leider diese Seite nochmal angeschaut und muss sagen: Sie ist über die Jahre nicht besser geworden. Also, es werden da einfach unterschiedliche Dinge in einen Topf geworfen und teilweise wird also die Devness mit BIID gleichgesetzt. BIID ist der Wunsch, behindert zu sein, oder beziehungsweise das Gefühl zu haben, eigentlichen einen behinderten Körper haben zu müssen. Darüber können wir vielleicht auch mal in einer anderen Folge sprechen, es ist aber nicht dasselbe wie Devness. Außerdem stehen auf dieser Seite relativ viele Informationen, die ich für mich jetzt einfach so nicht bestätigen kann. Zum Beispiel, welche Behinderungen in dem Kontext als besonders, naja, in Anführungszeichen “beliebt” gelten und es wird auch viel mit dem Begriff Fetisch gearbeitet. Da hatten wir ja auch schon mal drüber gesprochen. Der ist hier erstens gar nicht klar definiert, deswegen eben für Devness vielleicht auch nicht so passend und erzeugt zweitens so ein bisschen einen negativen Touch. Und insgesamt muss man auch sagen, dass die Seite die negativen Seiten von Devness doch sehr stark betont. Während die vielen positiven, über die wir hier ja auch sprechen, größtenteils ausgeklammert werden. 

Kjell: Natürlich ein bisschen schade, dass dann ausgerechnet auf so einer Enzyklopädie da so eine, wie du jetzt sagst, für dich überhaupt nicht passende Darstellung erfolgt und es wär natürlich wünschenswert, wenn da mal eine Überarbeitung stattfinden würde. Aber gut, vermutlich gibt es auch einfach die Leute, darüber hatten wir ja gesprochen, die das nicht ganz so toll finden. 

Anna: Außerdem müsste es dazu vielleicht auch erstmal gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse geben, die einfach so jetzt in dem Rahmen nicht vorliegen, weshalb dann so eine Seite eben auf der Meinung einzelner eher beruht als auf irgendwelchen Forschungsergebnissen. 

Kjell: Ja, das ist tatsächlich schade, genau, aber da können wir vielleicht auch nochmal in Zukunft ein bisschen weiter drauf eingehen. Ich würde nochmal auf die Fragen blicken, die ihr uns ja gestellt habt. Die eine, die wir hier noch haben, ist würde ich sagen, mit der letzten Folge vielleicht auch schon ein bisschen beantwortet. Aber tatsächlich war das noch eine Frage, nämlich an dich, Anna: Hattest du denn schon einmal Sex mit einem Behinderten? 

Anna: Ja, lustig, dass die Frage immer gestellt wird. Ein für alle mal die Antwort: Ja, hatte ich. Die Antwort wird sich ja auch nicht mehr ändern. Aber komisch, das ist so oft gefragt wird. Ich frage mich, warum… 

Kjell: Vielleicht ist das so eine kleine voyeuristische Ader, die da durchkommt? Naja, wir haben ja schon einmal festgehalten, dass nicht alle Devs ihre sexuellen Neigungen jetzt notwendigerweise tatsächlich in der Realität ausleben wollen, oder – und ich glaube, darauf kommen wir auch in Zukunft nochmal zu sprechen – es nicht so einfach ist, ein passenden Partner zu finden. Das hattest du ja auch schon gesagt, gerade eben auch nochmal, dass in deiner Kindheit und Jugend du jetzt nicht gerade von Menschen mit Behinderungen umschwärmt warst. Ja, vielleicht gibt es auch tatsächlich Menschen, Devs, die jetzt gar nicht so die Möglichkeit haben Partner zu finden oder sich auch ein bisschen schwer damit tun, jetzt offen gegenüber potenziellen Partnern ihre Vorlieben zu kommunizieren. Daher vermutlich eine berechtigte Frage, jetzt in deinem Fall vielleicht schon ein bisschen auf der Hand lag nach der letzten Folge.

Anna: So. Jetzt habe ich aber genug aus dem Nähkästchen geplaudert. Jetzt gibt es auch mal wieder eine Frage an Kjell. Und zwar war eine Frage, wie denn deine erste Erfahrung mit einer Dev war. Ich vermute, hier ist die erste sexuelle Erfahrung gemeint, aber vielleicht auch überhaupt das erste Treffen. 

Kjell: Ja, das hatte ich schon einmal ein bisschen beiläufig erwähnt, aber vielleicht nochmal etwas ausführlicher. Ich würde mal mit der ersten virtuellen Erfahrungen anfangen. Das war tatsächlich zu einer Zeit, zu der ich selbst noch sehr unerfahren mit dem Thema war, auch mit meiner eigenen Sexualität noch sehr unerfahren war, dann irgendwie auch darüber gestolpert war, dass es offensichtlich Leute gibt, die ein etwas ausgeprägteres Interesse an sexuellen Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung haben. Hab dann da natürlich auch entsprechend im Internet recherchiert und bin dann über einen Chatraum gestolpert, in dem sich tatsächlich auch einige Devs getummelt haben. Und so meine erste Frage war dann in diesen Chatraum hinein, ob es denn auch Frauen da gäbe, die das interessant fanden. Ja, tatsächlich hatte ich den Kontakt zu einer Frau, die in diesem Chat war. Ich muss sagen, der Austausch mit der hat mich tatsächlich ein Stück überfordert. Es war einfach ein Gefühl von: Ich kann das überhaupt nicht einordnen, weil es so anders war und so mit all den Dingen, die ich irgendwie auch als Glaubenssätze über meine Kindheit und Jugend in mir aufgebaut hatte, in Frage gestellt hat, dass ich ja tatsächlich irgendwie das für mich gar nicht sinnvoll mit ihr diskutieren konnte, weil ich immer das Gefühl hatte, der herrscht so eine totale Asymmetrie. Sie war auch deutlich älter als ich und das hat vielleicht auch so ein bisschen dazu beigetragen, dass diese erste Begegnung zumindest aus meiner Sicht jetzt nicht so produktiv war und auch irgendwie ich die ganze Zeit das Gefühl hatte, das wird mir hier alles zu viel.

Anna: Ja, das ist ja wahrscheinlich auch nichts, womit man rechnet, und ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass viele Behinderte gar nichts von der Existenz von Devs ahnen.

Kjell: Ja, das ist tatsächlich etwas, was so ein bisschen rocked my world, würde ich jetzt mal auf Englisch sagen, ja, also wirklich auch zu einem relativ langwierigen Selbstfindungsprozess geführt hat. Und es ist dann Jahre später so gewesen, dass sich aufgrund einer Begegnung im realen Leben mit einer Frau, die in so einem Nebensatz, die hatte ich abends auf einer Party kennengelernt, und die sagte dann in so einem Nebensatz zu mir, sie hätte ja schon mal Interesse daran, eine sexuelle Erfahrungen mit einem Mann mit Behinderung zu machen. Das war jetzt keine Dev, also ich bin mir da ziemlich sicher, das war einfach nur so: Ja, das würd mich mal interessieren Thema. Gleichzeitig ist mir da aber wieder dieser Chat eingefallen und diese Frau, die ich da mal zu dem Zeitpunkt, ich glaub irgendwie zwei Jahre vorher kennengelernt hatte online. Daraufhin habe ich dann tatsächlich auch gesagt: Ich will das Thema einfach für mich nochmal besser verstehen. Gar nicht so sehr mit dem Hintergrund ich will da jetzt jemanden kennenlernen, aber tatsächlich hat das dann vielleicht zur Beantwortung dieser Frage auch am Ende zu einem realen Treffen geführt, das dann ja tatsächlich auch mit der ersten sexuellen Erfahrung koinzidierte. Das war vielleicht eine etwas andere Erfahrung aus zwei Gründen: Erstens habe ich mich im Vorfeld sehr viel mehr mit dem Thema auseinandergesetzt hatte. Ich hatte mit mehreren Devs gesprochen, mit mehreren weiblichen Devs und auch tatsächlich einfach aus Interesse gefragt: Wie fühlt sich das für euch an? Was ist das für euch genau? Hab da auch sehr unterschiedliche Antworten bekommen und mit der Dame, mit der ich mich dann getroffen habe, hatte ich früher auch einen relativ intensiven Austausch, wo wir auch so ein bisschen über unsere sexuellen Vorstellungen und Neigungen gesprochen haben. Erst mal so ein bisschen allgemeiner und irgendwann dann eben auch in der Dimension miteinander. Und tatsächlich war es dann so, dass wir irgendwann gesagt haben: Vielleicht wollen wir das auch einfach mal in die Tat umsetzen. Wir haben zwar in unterschiedlichen Ländern gelebt, zu dem Zeitpunkt, aber haben uns dann entschieden, dass wir uns mal treffen. Tatsächlich führte dann das eine zum anderen und so war das dann auch direkt meine erste sexuelle Erfahrung mit einer Dev. 

Anna: Hat die Erfahrung deine Erwartungen erfüllt? 

Kjell: Einerseits schon, da haben die vielen Gespräche im Vorfeld auch wirklich geholfen. Andererseits war das natürlich wirklich eine neue Erfahrung. Weil die so neu war, habe ich im Vorfeld auch überhaupt nicht gewusst, was ich eigentlich erwarten sollte. Und tatsächlich wäre das auch etwas, was ich jedem empfehlen würde auf beiden Seiten: keine zu aufgebauschten Erwartungen haben, lieber in die Situation reingehen und das gemeinsam erkunden und gemeinsam schauen: was gefällt uns gemeinsam? Was möchten wir miteinander erleben, was möchten wir miteinander ausprobieren? Und ich denke, dass das eine viel bessere Grundlage ist als jetzt allzu unrealistische Erwartungen vielleicht aufzubauen und dann festzustellen: Oh, das geht alles gar nicht so, wie ich mir das zusammenfantasiert habe. Jetzt würde mich aber tatsächlich auch mal interessieren, wie das denn für dich war, Anna. War glaube ich auch so ein bisschen Teil der Frage: Wie war denn deine erste Erfahrung als Dev? 

Anna: Ja, ist jetzt gar nicht so einfach, genau festzulegen, welche davon die erste echte Dev-Erfahrung war. Ich hab mich da ja eher langsam ran getastet. Es war auf jeden Fall aber, wenn ich jetzt eine raussuchen müsste, nicht so gut wie erwartet. Irgendwie fühlte es sich ein bisschen gezwungen an und das war so ja in dem Fall tatsächlich, was du gesagt hast, aufgebauscht mit Erwartungen. Das hat dann alles auch nicht so gut geklappt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Das hat mich dann auch so ein bisschen daran zweifeln lassen, ob das wirklich die richtige Entscheidung war, ob das der richtige Weg ist, den ich da gehe. Aber da ich mir einfach trotzdem sehr sicher war, eine Dev zu sein und dass das genau das ist, was mir sexuell eigentlich am meisten geben kann, hat das diese eine nicht so gute Erfahrung jetzt nicht geändert. Später gab es dann auf jeden Fall noch viel bessere Erfahrungen, bei denen ich mich einfach auch in für mich unbekannte tolle sexuelle Gefühle hingeben konnte. 

Kjell: Das klingt ja sehr positiv dann doch. Also von daher ist es vielleicht auch einfach etwas, was ein bisschen Zeit braucht. Aber ein Punkt, der sich da vielleicht noch anschließt, und das ist wieder eine Frage an dich, Anna: Was genau reizt dich denn an Behinderten oder Behinderungen. 

Anna: Ja, die Frage haben wir tatsächlich noch gar nicht besprochen und es ist auch gar nicht so einfach zu beantworten. Es entspricht so ein bisschen der Frage: Warum bist du denn eigentlich eine Dev? Tja, keine Ahnung. Also es gab jetzt kein Schlüsselerlebnis oder irgendwas ähnliches, an das ich mich erinnern würde. Was mich daran reizt, ist zunächst mal vor allem der ästhetische Aspekt, einfach diese Schönheit, dass für mich ein Mann mit Behinderung irgendwie grazil ist und eben vor allem attraktiv, ästhetisch ansprechend. Wnd das ist jetzt mir schon klar, dass das erstmal überhaupt nicht das ist, was so die landläufige Meinung ist. Aber, ja, es ist für mich einfach so. Und ein Bekannter von mir hat sich neulich schon fast dafür entschuldigt, als ich ihn so das erste Mal mit dem kompletten Körper gesehen habe, dass sein Körper nicht, naja, in Anführungszeichen “normal” aussieht. Aber für mich ist eben gerade dieses nicht Normale das Reizvolle. Irgendwie, dieses einzigartige, ja fast schon, dass der Körper wie ein Kunstwerk ist, irgendwas, was eben einmal geschaffen ist. Und jetzt neben diesem ganzen Ästhetischen reizt mich auch der Alltag, die Nähe, die dadurch entsteht, und dass man eine Verbundenheit hat auf einer Ebene, die man eben in Beziehungen, in denen keiner der Partner eine Behinderung hat, nicht hat. Also dieses Gefühl, sozusagen im selben Boot zu sein, auf einer gewissen Weise. 

Kjell: Wir hatten darüber ja auch schon mal so bisschen gesprochen, aber an dieser Stelle passt es vielleicht auch nochmal: Aus meiner Sicht ist das natürlich auch aus der anderen Perspektive schön, dass körperliche Eigenschaften, die sonst vielleicht als unästhetisch angesehen werden, damit ja auf einmal begehrenswert werden. Für mich war das wirklich ja so einen Augenöffner Sinne einer neuen Perspektive auch auf mich selbst. 

Anna: Ich glaube, das ist auch einer der wirklich schönen Aspekte der Devness. Also es gibt irgendwie ganz viele negative Aspekte, was das so für Auswirkungen auf das eigene Leben hat. Aber diese Tatsache, dass man damit wirklich einen Unterschied bewirken kann, das erlebe ich immer als sehr schön, dass es wirklich auch positive Auswirkungen haben kann, dass es Devs gibt. Und da bekomme ich auch manchmal Rückmeldungen von vor allem Männern, die eben sagen: Mensch, noch niemand hat meinen Körper als schön oder begehrenswert bezeichnet. Das tut total gut, dass das mal endlich jemand macht.

Kjell: Ja, kann ich so nur bestätigen. Vielleicht schließen wir dann an der Stelle auch in einer letzten Frage, die ihr uns geschickt habt, die jetzt vielleicht auch nochmal ein bisschen tiefer geht. Die Frage war an dich, Anna: Wie kann ich als Dev denn Devness zulassen, ohne dass ich Angst vor Verurteilung haben muss? 

Anna: Ja, diese Frage kam tatsächlich von einem männlichen Dev, der sich fragt, wie er das in sein Leben integrieren kann. Und ich würde sagen, auch wenn ich da jetzt vermutlich nicht für alle sprechen kann, wie es für jeden einzelnen funktioniert, aber es ist auf jeden Fall ein Prozess. Und ich kann mir vorstellen, dass es viele Devs da draußen gibt, die sich unsicher sind. Vielleicht hören auch welche zu, die sich fragen: Soll ich das jetzt in mein echtes Leben holen? Was mache ich denn mit ablehnenden Reaktionen? Aber ich glaube, der erste Schritt, bevor man darüber nachdenkt, was andere darüber denken könnten, ist erstmal diese Devness vor sich selbst einzugestehen und auch zu akzeptieren. Das ist schon mal sehr schwierig und bevor man sich outet, würde ich immer empfehlen, dass man auf jeden Fall mit sich selbst im Reinen ist. Das war bei mir nicht ganz so und ich hab das danach auch ein bisschen bereut, dass ich nicht vorher erstmal länger das mit mir ausmachen konnte, bevor irgendwie Reaktionen von außen kamen. Und wir haben auch später noch mal eine ganze Folge zum Coming-Out, da erzähle ich das auch nochmal ein bisschen detaillierter, aber so viel vorab: Macht es nicht zu früh. Aber habt auch keine Angst vor den Reaktionen. Dev zu sein ist nichts Verachtenswertes. Klar, nicht jeder findet Devs toll, das muss aber auch nicht jeder toll finden. Wir sind irgendwie Menschen wie alle anderen auch und wir sind es wert, geschätzt zu werden. Und einfach halt auf Menschen mit Behinderung zu stehen ist kein Verbrechen. Und vor allem, wenn man Behinderungen nicht als etwas Schlimmes, als etwas, was geheilt oder irgendwie repariert werden muss, betrachtet, dann ist auch die Existenz von Devs eigentlich was ganz normales und vor allem nichts Verachtenswertes. ich glaube, es wird schon immer Leute geben, die uns verurteilen, die sagen: Oh mein Gott, die armen Behinderten, das darf ja nicht sein. Aber das trifft irgendwie auch auf jeden Aspekt des Lebens zu, dass es immer Leute gibt, denen das gefällt und welche, denen es nicht gefällt. Von daher das wichtigste ist irgendwie das für sich selbst zu akzeptieren, und das ist, glaube ich, ein guter erster Schritt, damit dann auch ohne Angst durchs Leben zu gehen. Was mir persönlich jetzt am meisten geholfen hat, eben diesen Schritt zu gehen, dass ich es für mich selbst akzeptiert hab, war die Bekanntschaft mit Behinderten zu machen, die einfach das toll fanden, dass es Leute wie mich gibt, was ich gerade schon erzählt hatte, die einfach gesagt haben: Mensch super, das gibt mir einen echten Mehrwert im Leben.

Kjell: Ich kann das auch nur nochmal unterstreichen und aus meiner Sicht ist diese Sicht auf Devness als etwas Schlimmes genau in der Kategorie unnötiger Tabus. Und ich glaube nicht, dass irgendjemand darin eingeschränkt ist, was er oder sie gerne macht. Wir reden da immerhin über Entscheidungen zwischen Erwachsenen, die für sich selbst verantwortlich Entscheidungen treffen und sagen: Ich möchte das für mich oder ich möchte das nicht für mich. Und ich denke, da sollten wir jetzt nicht zu sehr unnötig projizieren, was für Erwartungen andere jetzt auf uns haben. Und um die Analogie der sexuellen Orientierung da nochmal aufzugreifen, das passt ja auch zu dem Coming-Out und ist zumindest jetzt in dieser Hinsicht etwas, wo ich denke, dass wir gesellschaftlich akzeptieren sollten, dass es Devs gibt, genauso wie wir ja auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften akzeptieren. Aber auch das war sicherlich ein Weg für viele. 

Anna: Ich denke, das war ein total tolles Schlusswort. Vielen Dank! Von daher, das war es für uns für heute. Nach Sekt diesmal gibt es beim nächsten Mal gleich das nächste Mal zu feiern: eine Schnapszahl, die 11. Folge. Und da werden wir dann ein bisschen intensiver darüber sprechen, wie sich so ein Coming-Out als Dev gestalten kann und welche Erfahrungen wir damit gemacht haben. Es wird vielleicht auch nochmal eine FAQ-Folge geben, also schickt uns gerne weiter eure Fragen oder Kommentare und macht es gut. Bis zum nächsten Mal!

Kjell: Tschüss!

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