#14 Sexualität und Behinderung in Serien und Filmen

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#14 Sexualität und Behinderung in Serien und Filmen
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Anna und Kjell sprechen darüber, in welchen Serien, Filmen und anderen fiktiven Formaten Sexualität und Behinderung thematisiert wird und in welchen Veröffentlichungen vielleicht auch kleine Überraschungen dazu warten.

Videos, Trailer und weitere Informationen zu allen erwähnten Veröffentlichungen unter den folgenden Links:

Musik

Filme

Serien

Literatur

Kjell: Hallo und herzlich Willkommen zu Rollirotik, dem Podcast zu Sexualität und Behinderung. Und auch in der 14. Folge ist hier wieder bei mir die Anna.

Anna: Hallo!

Kjell: Hi und ich bin wie immer Kjell und heute wollen wir mit euch über das Thema Medien und Fiktion sprechen, beziehungsweise natürlich zum Thema unseres Podcasts Sexualität und Behinderung einmal die verbreitete Erzählung hinterfragen, dass es so ein Doppeltabu aus Sexualität und Behinderung gibt, das nicht thematisiert wird und nicht zuletzt deswegen haben wir auch schon gesagt machen wir diesen Podcast. Heute vielleicht mal ein paar Gedanken und ein paar Erfahrungen aus unserem eigenen Erleben hinaus in die Welt der Fiktion geschaut. Ja, Anna, was haben wir denn heute vor?

Anna: Wir haben heute ein paar Beispiele dabei, an denen wir zeigen wollen, dass Sexualität im Kontext von Behinderung schon vorkommt, dass es schon fiktive Veröffentlichungen gibt mit diesem Doppelthema, mit diesem Doppeltabu, wie du das gerade gesagt hast. Allerdings muss man teilweise schon ein bisschen danach suchen. Und um es den Hörerinnen und Hörern ein bisschen leichter zu machen, haben wir mal die Suche übernommen. Das ist vielleicht auch eine Gelegenheit, sich ein bisschen noch aus anderen Quellen mit dem Thema zu beschäftigen und zu schauen, wie das in einem Kontext, der jetzt nicht immer auf dem realen Leben basiert, umgesetzt wird, wie das Thema da vielleicht auch nochmal von einem anderen Blickwinkel beleuchtet werden kann. Wir werden ein paar verschiedene Veröffentlichungen erwähnen, die Links dazu oder Links zu weiteren Informationen gibt es dann in den Shownotes. Schaut einfach mal im Text vorbei.

Kjell: Also zum Thema Behinderung gibt es ja eine ganze Menge Fiktion, eine ganze Menge Stories, sind mir auch einige spontan eingefallen. Uber Sexualität gibt es wahrscheinlich noch viel mehr. Doch jetzt genau diese Kombination, das ist ja dann heute die Frage, wie Anna gesagt hat, haben wir euch da einige Beispiele mitgebracht. Vielleicht so ein persönlicher Eindruck auch von mir: Ich finde immer, dass Fiktion so ein bisschen selbstverständlicher auftritt, gerade wenn sie sich mit behinderungsrelevanten Themen beschäftigt, während wenn ich so an typische Reportagen-Formate denke, das ist häufig sehr voyeuristisch und die Behinderung sehr ins Zentrum der ganzen Erzählung gestellt. Da können wir ja nachher auch nochmal ein bisschen drauf eingehen bei den einzelnen Beispielen. Aber wir wollen natürlich jetzt mal gucken, wie sich das denn nun darstellt. Anna, du hast ein paar Beispiele erwähnt. Was haben wir dabei?

Anna: Genau, es gibt verschiedene Medienarten, in denen das Thema beleuchtet wird, und wir haben verschiedene Beispiele heute aus unterschiedlichen Ecken: aus Musik, aus Serien, Filmen und auch aus der Literatur. Überall dort gibt es Erwähnungen von Sexualität und Behinderung in Kombination, allerdings eben auch auf unterschiedliche Art und Weise. Wenn wir da jetzt einfach mal beim Thema Musik beginnen, hab ich hier zwei Veröffentlichungen, zwei Songs mitgebracht, die auch aus dem regional deutschen Kontext kommen. Einmal von der Band FHEELS, das Lied heißt Sharp Dressed Animal und der Bandleader Felix Brückner setzt sich dort so ein bisschen mit seiner eigenen Sexualität als Mann im Rollstuhl auseinander. Wobei die Behinderung da gar nicht so deutlich im thematisch sehr sexualitätslastigen Text erwähnt wird, also in dem Text geht es schon heiß her, kann man so sagen, allerdings ist dieses Thema Behinderung da maximal vielleicht im Subtext erkennbar. Im Video dafür wird es sehr deutlich. Das Video enthält doch heiße Szenen, in denen auch deutlich wird, dass eben einer der Partner dabei im Rollstuhl sitzt. Und ich denke, das ist durchaus ein Video, was man sich mal anschauen kann. Ein anderes, wo auch im Text diese Thematik viel deutlicher erwähnt wird, wäre der Song “Verschieden” von Graf Fidi. Ich denke, Graf Fidi ist einfach ein Begriff, so in der Szene, wenn wir das mal so wollen. Der macht Rap und stellt sich auch schon ein bisschen als Inklusionsrapper dar. In dem Song “Verschieden” thematisiert er eben genau, wie es ist, Sexualität als behinderter Mensch zu erleben, und vor allem thematisiert er auch die Vorurteile, die ihm damit begegnen. Um jetzt mal kurz aus dem Text zu zitieren, am Anfang ist es sehr provozierend. Da rappt er: “Behinderung und Sex, das geht nicht. Wer will schon einen Spasti-Krüppel und wenn Frauen so einen sexy finden, dann nur die mit Hängetitten, weil sie selber hässlich sind.” Im Refrain geht es dann ein bisschen versöhnlicher zu, da wird die Kernaussage “Es ist normal, verschieden zu sein” in den Mittelpunkt gestellt und ich denke, das ist ja doch eine Aussage, die ich jetzt so unterschreiben würde. Trotzdem, dieser ganze Text ist relativ zentral eben, es gibt da jetzt wenig Subtilitäten zu dem Thema.

Kjell: Du hast ja jetzt gerade gesagt, Graf Fidi ist zumindest dir ein Begriff. Ich hab den Namen vorher noch nie gehört und kenne das auch gar nicht. Also man muss, denke ich, schon dazu sagen, dass jetzt diese beiden Lieder nicht wirklich Mainstream-Musik sind. Ich glaub nicht, dass die irgendwo jetzt irgendwelchen Charts auftauchen würden. Ich glaube gerade wenn ich sowas sehe, dann stelle ich mir so ein bisschen die Frage, wie grenzt man denn zwei Sachverhalte voneinander ab? Also das eine ist, die Behinderung als etwas Selbstverständliches darzustellen. Du hast jetzt gerade gesagt Inklusions-Rapper, irgendwie auch zu sagen, ja, das gehört dazu und das ist normal und normal verschieden zu sein. Das ist ja so ein Teil der Normalität. Und auf der anderen Seite ist ja die Frage: Wie sehr inszeniere ich dann vielleicht auch den Fakt, dass da jemand eine Behinderung hat? Ich glaub, da ist dann so das Extrembeispiel das, was da mal als Inspiration Porn bezeichnet wurde. Leute, die halt einfach letztlich Profit daraus schlagen, auf Bühnen zu stehen und Leuten zu zeigen, dass sie irgendwelche Alltagsdinge verrichten trotz ihrer Behinderung und dann darauf bauen, dass alle ganz begeistert sind. Das ist jetzt vielleicht das absolute Extrem und ich will auch gar nicht unterstellen, dass das da jetzt in irgendeiner Weise passiert. Gibt es da für dich, Anna, eine Grenze, ab der du dann sagst: Jetzt wird es aber doch ein bisschen viel mit es geht hier um Behinderung?

Anna: Meine Grenze liegt da ,glaube ich, ein bisschen höher als bei dir. Grundsätzlich finde ich das gut, wenn es thematisiert wird, auch wenn vielleicht die Art und Weise nicht immer so geeignet ist, die Message zu transportieren. Aber es gibt halt die Message und insgesamt, denke ich, wird das Thema trotzdem einfach viel zu wenig thematisiert, sodass auch Repräsentation, mit denen man vielleicht nicht hundertprozentig einverstanden ist, nicht unbedingt schlechte Repräsentation sein müssen.

Kjell: Ja, das kann ich nachvollziehen. Ich glaube, bei mir ist da immer im Kopf so ein bisschen die Idee, dass ich vielleicht die ungerechtfertigte Befürchtung habe, dann mit Leuten, wo ich selber denke, das ist jetzt aber echt zum Fremdschämen, wie die sich da öffentlich produzieren mit so einem Thema, so in eine Schublade gesteckt zu werden und mir vielleicht unterstellt wird, dass ich qua Behinderung dann offensichtlich auch so bin, dass das Thema immer für mich im Vordergrund steht. Das ist vielleicht so, weshalb ich da eine etwas niedrigere Toleranzgrenze habe. Aber natürlich hast du recht, das sollte jeder so halten, wie er oder sie das gerne für sich will. Klar, wenn Leute das gerne hören oder sehen wollen, dann ist es wahrscheinlich besser, als wenn es gar nicht sichtbar ist, in der Öffentlichkeit.

Anna: Sichtbar in der Öffentlichkeit ist es ja auch in Filmen. Das wäre jetzt unsere nächste Kategorie. Da habe ich jetzt zwei Beispiele, die auch sehr unterschiedlich sind in der Herangehensweise an das Thema. Das eine ist ein sehr bekannter Film. Ein ganzes halbes Jahr, wahrscheinlich muss man nicht viel dazu sagen. Er beruht auf einem Roman von Jojo Moyes. Es geht um eine Beziehung zwischen einer jungen Frau und einem querschnittsgelähmten Mann, für den sie arbeitet. Außerdem wird in dem Film auch die Sterbehilfedebatte thematisiert. Das ist auch einer der Gründe für die sehr gespaltenen Meinungen, die zu diesem Film existieren. Es gibt verschiedene Probleme, die auch ich sehen würde, also zum einen die Darstellung von Behinderung allgemein. Das ist in dem Film teilweise schon ein bisschen beschönigt, würde ich sagen, und eben so gemacht, dass es für den Film gut funktioniert, nicht unbedingt so, wie es in der Realität auch wäre. Zum anderen eine Sterbehilfedebatte im Zusammenhang mit dem Thema Behinderung zu führen, birgt natürlich auch so ein bisschen Explosionspotential. Zumindest kann man über den Film aber sagen, dass das Thema hier im Mainstream angekommen ist. Der Film ist super beliebt. Das Buch war auch super beliebt. Eigentlich waren diese Debatten dazu eher so eine Randerscheinung. Ich glaub, insgesamt war das ein ziemlich großer Erfolg. Ein anderer Film, der jetzt in eine ganz andere Richtung geht, ist Touch Me Not. Ein Film, der bei der Berlinale gewonnen hat, vor einigen Jahren. Es geht um Intimität, Sexualität, auch, aber nicht nur im Zusammenhang mit Behinderung. Man kann sich da fragen bei diesem Film, der ist sehr tief, sehr vielschichtig, ist auch so ein bisschen herausfordernd, vielleicht, aber man kann sich fragen: Ist das noch Fiktion? Der Film wird als halb-dokumentarischer Film bezeichnet. Ich habe ihn trotzdem hier mal in diese fiktive Kategorie aufgenommen. Grundsätzlich geht das aber hier viel tiefer. Das gibt es so einen wichtigen Satz im Film, der mich damals sehr beeindruckt hat und an den ich auch später noch oft gedacht hab. Und zwar wird gesagt: Alle Emotionen sind willkommen. Es geht hier um Sexualität. Es geht darum, dass Menschen ein Thema für sich erforschen, über das es vielleicht keinen öffentlichen Diskurs gibt und dieser Film zeigt keine Normalität, er zeigt einfach so eine Beschäftigung mit den eigenen Reaktionen darauf, mit den Reaktionen auf die Beschäftigung damit, mit dem eigenen Körper, mit Intimität, auf welche Art und Weise möchte ich denn Sexualität erleben. Und das Ganze passiert auf einer künstlerischen Ebene. Und ganz zum Schluss, das hat mir auch sehr gut gefallen, zeigt dann so die Kamera, die eigentlich die ganze Zeit so Szenen eingefangen hat, die speziell sind, Szenen, die man sonst so nicht sehen würde bei anderen Menschen, ganz zum Schluss zeigt die Kamera dann auf den Zuschauer. Die Presse sagt: Dieser Film verlangt dem Zuschauer sehr viel ab. Einige Zeitungen titelten dann, dass es dem Zuschauer vielleicht auch zu viel zumutet. Ich denke, das Ganze zeigt einfach, dass es eine neue, noch nicht dagewesene Herangehensweise an das Thema ist. Auf einer künstlerischen Ebene, aber trotzdem so, dass man das Ganze auch auf sich selbst beziehen kann, und das ist eigentlich was, was für mich den Film sehr wertvoll macht.

Kjell: Ja, ich muss jetzt vielleicht dazu sagen, dass das so Filme sind, die ich normalerweise auch gar nicht auf dem Radar habe. Ich werde tatsächlich ab und zu mal angesprochen von Leuten in meinem Umfeld und auch in der Vorbereitung jetzt auf diese Folge haben wir, Anna, ja gesprochen. Und da haben wir festgestellt, das ist so gar nicht meine Welt. Interessanterweise bemerke ich manchmal bei Leuten in meinem Umfeld, dass die so ganz natürlich davon ausgehen, dass ich solche Filme ja kennen müsste, schließlich betrifft mich das ja, und wo ich dann immer nur sagen kann, naja, also es gibt ja wahrscheinlich auch ganz viele Eigenschaften, die du jetzt hast, die auch andere Leute in irgendwelchen Filmen haben und da gibt es auch irgendeine Nische mit Filmen, die aber auch nicht so im Mainstream unterwegs ist. Sicherlich jetzt nicht nur so eine völlige Randerscheinung. Du hast das ja auch gerade gesagt, durchaus eine gewisse Breitenwirkung und viele Leute, die sich dafür interessieren. Aber ich glaube, es bleibt immer noch so ein bisschen ab von dem typischen Hollywood-Kino, wo man jetzt unterstellen könnte, das haben die meisten Leute mal irgendwann in ihrem Leben zumindest gehört oder davon irgendwas mitbekommen. Und ich glaub, genauso geht mir das auch, dass das tatsächlich Sachen sind, die ich gar nicht so sehr auf dem Radar habe, mir anschaue und damit auch gar nicht so unbedingt inhaltlich mitreden kann. Was ich aber durchaus sehr gut finde, ist dass es eben da ja offensichtlich auch eine Debatte darüber gibt, wie man jetzt das auffassen sollte. Und ich denke schon auch, dass das Thema insgesamt, ich meine, wir reden hier im Podcast immer sehr selbstverständlich darüber, aber das, was du sagst, was der Film tut, also, dass Leuten etwas abverlangt wird, ist glaub ich auch bei dem Thema und der Beschäftigung damit durchaus manchmal gegeben, dass man zumindest mal kurz innehalten muss und sagen muss, was genau macht denn das jetzt mit mir emotional.

Anna: Um jetzt vielleicht noch eine kleine Lanze zu brechen für die Menschen ohne Behinderung, die annehmen, dass du solche Filme kennen müsstest. Ich kann mir vorstellen, dass den Leuten schon bewusst ist, wenn sie dann mal über sowas stolpern, dass das nichts Alltägliches ist, dass sie solche Filme nicht immer sehen, und dass es vielleicht dann für dich auch gar nicht so leicht ist, ich sag mal, deinen Platz in der Welt zu finden mit der Behinderung, die ja doch ein zentrales Thema in deinem Leben ist. Und selbst wenn man sagt, ich möchte nicht, dass das ein zentrales Thema im Leben ist, es ist ja doch irgendwas, was man jetzt nicht so einfach wegdiskutieren kann. Und ich kann mir vorstellen, das ist halt auch das, was die Menschen als erstes von dir sehen und dann insgesamt gar nicht so viele andere Berührungspunkte haben und deswegen diese zwei Sachen verbinden und meinen sie tun ja dann vielleicht sogar irgendwie was Gutes, wenn sie sagen: Hey, guck mal, vielleicht ist das eine interessante Information für dich, vielleicht hast du ja auch mal Fragen dazu und schaust mal, wie andere Menschen in einer ähnlichen Situation wie du damit umgehen.

Kjell: Also ich weiß auch, dass es durchaus andere Menschen mit Behinderung gibt, von denen ich weiß und von denen ich auch schon gehört habe, dass die da total darin aufgehen, aber für mich ist das einfach wie gesagt eher so ein Nischenthema und ich guck mir dann eher andere Filme an, die mich mehr interessieren. Gib mir einen schönen Italowestern, das ist dann eher meins. Was ich noch sagen wollte, ist, ich mach das auch niemandem zum Vorwurf, ich glaub, ich hab auch Sachen, wo ich dann vielleicht mal mit Leuten eine Verbindung herstelle, die dann natürlich mit den Augen rollen. Weiß ich nicht, wenn jemand sagt, Hey, ich komme ursprünglich aus Spanien und ich dann anfange und sage, Mensch, da fallen mir jetzt fünf Urlaube ein und übrigens Sangria ist super lecker und ich weiß es nicht, was ist mir dann vielleicht spontan dazu einfällt und vielleicht auch bei anderen Leuten manchmal so eine Reaktion hervorruft wie “Hä, was hat denn das jetzt mit mir zu tun?” Ich glaube, das ist ganz normal und ganz menschlich, von daher gar kein Vorwurf.

Anna: Ok, dann schauen wir einfach mal, vielleicht kennst du ja was aus unserer nächsten Kategorie und zwar die Serien. Da haben wir jetzt ein paar mehr Beispiele, einfach weil es da in den letzten Jahren tatsächlich auch so ein bisschen eine Vergrößerung des Angebots sag ich mal gegeben hat. Da sind doch einige Serien erschienen, die das Thema Behinderung im Zentrum haben, dann natürlich ab und zu auch mal über Sexualität sprechen oder auch auf anderem Wege, sich diesen Themen-Komplex nähern. Zuerst vielleicht zwei kurze Erwähnungen von Serien, das eine ist die Serie Special, eine Netflix-Serie, heißt auf Deutsch “Ein besonderes Leben”. Es geht dabei um einen homosexuellen Mann mit Zerebralparese. Grundsätzlich geht es auch um alle Aspekte seines Lebens, aber eben auch um Sexualität, spielt nicht immer die Behinderung eine Rolle, es gibt aber durchaus auch Folgen, in denen das im Hinblick auf Sexualität thematisiert wird. Andere Folge wäre jetzt die Serie “Speechless”, das ist eine Komödie über eine Familie, in der eines der Kinder eine Behinderung hat und im Rollstuhl sitzt. Da kommt es dann doch ab und an auch mal zu Situationen, die zumindest das Thema Sexualität streifen. Hier ist eben der Fokus doch auch relativ zentral auf Behinderung, nicht nur in der ganzen Serie, aber man sieht halt schon am Titel der Serie Speechless bezieht sich darauf, dass eben dieser Sohn in der Familie nicht selbst sprechen kann, zum Sprechen so ein Alphabet-Board benutzt. Gut, das ist nur kurz. Was, wozu wir vielleicht bisschen mehr sagen können, vor allem auch, weil es viel, viel bekannter ist, wäre Game of Thrones. Ich denke, jedem ist bewusst: Fantasyserie. Es gibt super viele Charaktere und es gibt auch mehrere Charaktere mit einer Behinderung. Das werden auch mehr im Laufe der Serie, Spoiler Alert, die hier eine Behinderung haben, so dass da doch das Potential, das ganze ,al mit Sexualität zu verbinden, einfach auch weil Sexualität in der Serie relativ regelmäßig dargestellt wird. Es hat ein großes Potential, und das wird auch genutzt und zwar ohne dass es jetzt groß hinterfragt wird, ohne da mit der Moralkeule zu schwingen. Ich denke, mindestens einer der behinderten Charaktere hat hier relativ selbstverständlich Beziehungen relativ selbstverständlich sexuelle Kontakte, teilweise auch schnell wechselnde sexuelle Kontakte, ohne dass es da großen Aufschrei gibt. Also thematisiert wird es schon, aber es ist weder das zentrale Thema der Serie. Ich denke so in diesem ganzen Komplex von Game of Thrones ist es tatsächlich relativ natürlich dargestellt so als ein Aspekt des Lebens. Es geht ja bei Game of Thrones eigentlich vor allem so um diese Machtspiele, Intrigen usw, aber eben auch um verschiedene Lebensaspekte der Charaktere, die dort dargestellt werden. Übrigens, und das sei mir kurz gestattet diese Erwähnung, werden in Game of Thrones auch Devs kurz erwähnt. Als ich das das erste Mal gehört habe, war ich total überrascht, weil ich das in so einer großen bekannten Serie wie Game of Thrones natürlich nie vermutet hätte. Aber es gibt eine ganz kurze Erwähnung einfach vom Umstand, dass es Menschen gibt, die auf in dem Fall Körper mit Behinderung stehen. Das wird in einem Gespräch zwischen Varys und Petyr Baelish im Thronsaal in der 1. Staffel erwähnt und das zitiere ich eigentlich immer als das Beispiel, bei dem die meisten Menschen unwissentlich und vermutlich ohne daran viel Gedanken zu verschwenden, aber die meisten Menschen einfach schon mal von Devs gehört haben.

Kjell: Ja, ich glaube, die Szene kommt im Buch gar nicht vor. Game of Thrones ist mir dann durchaus auch ein Begriff. Ich hab tatsächlich nur das Buch gelesen, habe mich irgendwie nie aufraffen können, die Serie anzuschauen, zeigt vielleicht auch so ein bisschen ein Teil, warum ich viele dieser Veröffentlichungen dann nicht kenne, ist, dass ich einfach nicht so wahnsinnig viele Serien sehe und nicht so wahnsinnig viele Filme sehe. Ich glaube, diese Szene ist tatsächlich nicht im Buch vorhanden.

Anna: Genau, ist sie nicht, und das ist jetzt neben dem Fakt, dass es die Veröffentlichung ist, in der das Phänomen irgendwie im Mainstream ankommt, gibt es auch in der vorher erwähnten Serie Special eine Folge, in der der Protagonist dort tatsächlich auf einen männlichen Dev in dem Fall trifft. Leider ist diese ganze Sache relativ negativ und unreflektiert dargestellt. Da war ich dann schon ein bisschen enttäuscht. Aber zumindest da steht das Thema größer im Mittelpunkt.

Kjell: Ja, besonders im Mittelpunkt steht das Thema, glaube ich, auch in der Serie 1Meter20. Das ist tatsächlich mal für mich eher ungewöhnlich gewesen, etwas, was ich mir normalerweise nicht so ansehe, aber da geht es in dieser Kurz-Serie um die sexuelle Selbstfindung und generell um die Position im Leben einer jungen Frau, einer Jugendlichen mit Behinderung. Die Behinderung ist doch relativ zentral Thema in dieser Serie, allerdings jetzt nicht so, dass es irgendwie die ganze Zeit auf einer Metaebene darum geht, sondern dass man eigentlich sehr stark über die Alltagsdarstellung sich auch dieser jungen Frau nähern kann und mitbekommt, was das so in ihrem Alltag wirklich bedeutet. Und dabei kann ich aus eigener Anschauung sagen, durchaus realitätsnah dargestellt, was sonst ja eher unüblich ist, hattest du ja, Anna, auch gerade schon gesagt, dass es dann doch eher so, na ja, um den Plot irgendwie voranzutreiben, dann vielleicht mal eine etwas verzerrte Darstellung von dem, was eine Behinderung wirklich im Alltag bedeutet, gibt in solchen Serien. Und da hatte ich das Gefühl, ist das irgendwie gar nicht so. Gleichzeitig ist es auch nicht so, dass sie da so vorgeführt wird, sondern es ist einfach ja eine relativ neutrale Beobachtung ihres Alltags. Für diejenigen, die das vielleicht interessiert: Die Serie ist bei arte noch bis 2024 online zu sehen. Ist jetzt vielleicht nicht so die klassische Entertainment-Serie, aber durchaus doch ganz interessant, wie da eben auch mit diesem Thema der sexuellen Selbstfindung umgegangen wird.

Anna: Und wer sich jetzt fragt, warum der Kjell gerade diese Serie gesehen hat, während er alle anderen vorher nicht gesehen hat: Ich nehme da die Schuld auf mich, ich habe ihn, ganz sanft, überredet dazu.

Kjell: Gezwungen, ich wurde gefesselt, schickt Hilfe!

Anna: Das schneide ich raus ;-). Gut, dann kommen wir doch noch zur letzten Veröffentlichungs-Kategorie für heute und zwar Literatur. Da gibt es bestimmt auch noch viele Sachen. Ich persönlich kenne jetzt wenig, die außerhalb eines ausgeprägten Special Interests zu finden sind. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich nicht so viel davon kenne, also wenn ihr da Veröffentlichungen kennt, die wir jetzt hier nicht erwähnen, mindestens mich und vielleicht auch Kjell würde das durchaus interessieren, dann schreibt es doch gerne mal in die Kommentare. Vielleicht lernen wir dann auch noch was dazu. Bei Literatur würde ich das Buch Fuck[dis]abiltiy von Franziska Appel und Benjamin Schmidt erwähnen. Das Buch ist 2019 erschienen und es enthält erotische Geschichten, bei denen die Protagonisten beide oder einer jeweils eine Behinderung haben. Der Untertitel ist auch “Erotische Geschichten verführerisch illustriert”. Die Illustrationen haben mir durchaus gefallen. Man kann jetzt hier ein bisschen darüber sprechen, wie die Qualität der Geschichten ist. Ich glaube, auch hier geht es eher wieder darum, das Thema erstmal überhaupt ankommen zu lassen. Zumindest ich kenne keine andere Veröffentlichung, in der ist wirklich zentral, darum geht, dass Erotik im Kontext von Behinderung auf fiktive Weise dargestellt wird. Naja, ich denke, auch das ist jetzt wieder so eine Mainstream versus Nischen-Frage. Ich würde einfach mal unterstellen, dass das Buch jetzt nicht unbedingt für den Mainstream-Markt überhaupt ausgerichtet ist. Die Frage ist ja, was ist dann die Zielgruppe einer solchen Veröffentlichung, wenn ich jetzt erotische Kurzgeschichten mit Protagonisten mit Behinderung und das auch explizit in meinem Buchtitel so aufnehme und irgendwie kenntlich mache. Dann ist es, glaube ich, ein überschaubarer Personenkreis, ne. Das sind vielleicht Menschen mit Behinderung, Menschen, die in ihrem persönlichen Umfeld konkrete Erfahrungen mit Behinderung und Sexualität haben und ich könnte mir vielleicht auch noch vorstellen, dass es Menschen interessiert, die einfach sagen, ich möchte gerne, dass so ein Thema stärker in der Öffentlichkeit präsent ist und ich finde das unterstützenswert, aus welchen Motiven auch immer. Ja, das was du gesagt hast, vielleicht ist es dann auch gar nicht so sehr das Anliegen, da nun auf allerhöchstem Niveau und Literatur zu schreiben, die dann in irgendwelchen Feuilletons besprochen wird, sondern dass es einfach darum geht, das Thema irgendwie zu platzieren.

Anna: Ja, es wäre natürlich interessant, einfach die Autoren zu fragen, was ist denn der Anspruch, was wäre denn ihr ideal, wer soll sich das anschauen, wer soll sich das durchlesen, diese Geschichten, was ist denn die ideale Zielgruppe. Ich bin mir auch nicht so sicher und vermutlich bin ich nicht die ideale Zielgruppe, obwohl es auch darin eine Geschichte über Devs gibt, tatsächlich. Aber ja, also ich gehe davon aus, dass da nicht so dran gedacht wurde. Das wäre für mich auf jeden Fall mal spannend zu wissen.

Kjell: Ja, vielleicht zusammenfassend, denke ich, kann man sagen, dass diese Darstellung auf der einen Seite, denke ich, doch deutlich in Richtung Alltag und Selbstverständlichkeit gehen, auf der anderen Seite es Veröffentlichungen gibt, die ganz offensichtlich so ne zentrale Message haben. Das führt mich vielleicht auch nochmal ein bisschen zurück zu dem, was ich eingangs erwähnte. Wir haben ja jetzt heute ganz bewusst nicht über Reportagen gesprochen. Das ist ja jetzt nicht der Bereich der Fiktion, über den wir heute reden wollten. Aber so das, was man vielleicht unter dann solchen Inklusions-Reportagen kennt, oder auch sonst, wenn Fiktion jetzt sehr bemüht das Thema Behinderung als zentrale Message in den Vordergrund rückt, finde ich persönlich das immer ein bisschen anstrengend, weil es doch sehr gezwungen wirkt und für mich da wenig authentisch rüberkommt. Das hat dann so ein bisschen was von Freakshow, jetzt guckt mal hier. Von daher gefallen mir eigentlich eher solche Formate, in denen es eben eine gewisse Selbstverständlichkeit hat und einfach normal im Text auftaucht, ohne dass es jetzt groß angekündigt und aufgeführt wird.

Anna: Ja, über realitätsnähere Formate zu sprechen, das können wir ja vielleicht auch in einer der kommenden Folgen machen. Falls ihr andere Ideen habt. falls ihr Fragen habt, die euch unter den Nägeln brennen: Wir werden auch wieder eine FAQ-Folge machen, aber vielleicht gibt es ja auch ein Thema, wo ihr sagt, da würden wir gern mal ausführlicher etwas drüber hören, schreibt uns gerne, wir sind da offen für eure Fragen. Ansonsten freuen wir uns, dass ihr wieder dabei wart. Vielen Dank fürs Zuhören bis zum nächsten Mal, macht’s gut!

Kjell: Tschüß!

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