#03 Assistenz in Beziehungen

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#03 Assistenz in Beziehungen
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Anna und Kjell unterhalten sich über die Rolle von persönlichen Assistenten in Beziehungen: Wie wirkt sich Assistenz auf Dating aus? Welche Hilfe im Alltag kann, darf oder soll ein Partner übernehmen und welchen Herausforderungen begegnet man dabei?

Kjell: Herzlich Willkommen zu Rollirotik. Schön, dass ihr wieder dabei seid! Wir hatten euch beim letzten Mal ja angekündigt, dass wir noch ein bisschen stärker auf Alltagsthemen eingehen wollen. Anna ist auch wieder bei mir. Und heute, Anna, wollen wir über Assistenz reden, glaube ich, oder?

Anna: Ja, genau. Und das ist ein Thema, da hab ich mich schon total drauf gefreut. Weil es für mich sehr spannend ist und du mir diesmal dafür mal Rede und Antwort stehen musst. Bei den letzten Malen war das ja vielleicht eher ein bisschen umgedreht. Aber ich glaube, diesmal kannst du da viel dazu sagen. Ich kann jetzt wahrscheinlich schonmal ankündigen, dass der Kjell ja mit Assistenz lebt und vielleicht erzählst du ein bisschen, was das für dich bedeutet.

Kjell: Ja, mach ich gerne. Vielleicht, dass man sich das so ein bisschen vorstellen kann. Es gibt ja relativ viele Tätigkeiten, die ich aufgrund meiner Körperbehinderung so nicht ausführen kann, also insbesondere alles, was jetzt ins Motorische geht. Dinge irgendwie von A nach B bringen, Kleinigkeit, wie ein Glas Wasser eingießen. Aber natürlich auch Sachen wie Körperpflege und ähnliches, dabei benötige ich Hilfe im Alltag. Die Art und Weise, wie ich das für mich seit vielen Jahren organisiere, ist über persönliche Assistenz. Das funktioniert im Prinzip so, dass ich bei mir Menschen habe, die mir einfach im Alltag helfen. Also das ist immer eine Person, die dann irgendwie in der Nähe ist und wenn ich irgendwas benötige, hilft mir diese Person eben dabei. Ob das jetzt mal ein Brot schmieren ist oder eben dabei helfen, Kleidung an- und auszuziehen oder Ähnliches.
Für mich bedeutet das vor allem, dass ich damit selbstbestimmt leben kann, also dass ich wirklich trotz meiner Körperbehinderung in der Lage bin, die Dinge ganz normal so zu tun, sehr flexibel bin, das war mir immer sehr wichtig. Das hat für mich ganz enorme Vorteile gegenüber einem Pflegedienst, der dann feste Zeiten und feste Modelle hat, in denen dann die Pflegeleistung erbracht wird, weil ich beispielsweise auch gern die Freiheit genieße, in meinem Alltag einfach einkaufen zu gehen, wenn ich das möchte oder aufzustehen, wenn ich das möchte, wie das ja für jeden anderen wahrscheinlich auch ganz normal ist, wenn man jetzt keine Körperbehinderung hat und diese Hilfe nicht braucht. Deshalb ist das für mich ein ganz wichtiger Teil von meinem Leben.

Anna: Okay, und jetzt geht es ja in unserem Podcast um Sexualität und Behinderung und da interessiert mich jetzt natürlich als erstes: Wie ist denn das, wenn du mit Assistenz unterwegs bist, was für einen Einfluss hat das auf das Kennenlernen von Frauen oder überhaupt von Partnern? Und gab es da mal Berührungsängste oder was sind da deine Erfahrungen?

Kjell: Ja, da kann ich jetzt tatsächlich erstmal nur von Frauen sprechen, da das ja so meine Interessengruppe ist. Aber wie ist das? Klar, natürlich beeinflusst das das Kennenlernen in gewisser Weise. Mindestens mal auf der Ebene, dass ich dadurch, dass die Assistenten immer irgendwie präsent sein müssen, ein Stück weit planen muss, wie ich so meine sozialen Treffen gestalte. Das ist jetzt erstmal ganz unabhängig davon, ob ich da jetzt eine potentielle Partnerin kennen lernen will oder ob ich mich einfach mit Freunden treffe. Für mich ist dabei immer schon wichtig gewesen, dass ich da eine gewisse Trennung habe zwischen meinem privaten, sozialen Umfeld und meinen Assistenten. Das mache ich normalerweise so, dass ich dann beispielsweise den Assistenten sage: “Okay, ich bin jetzt hier drüben in dem Restaurant und treff mich da mit Freunden und ich brauch dich jetzt erstmal eine halbe Stunde lang nicht, bitte sei dann irgendwo in der Nähe, damit ich dich anrufen kann, wenn was sein sollte.” Aber was ich zum Beispiel vermeide, ist das die sich dann mit hinsetzen und irgendwie dann Teil dieser Konversation werden. Wenn dann irgendwie jemand mal diesen Kinofilm gesehen hat, “Ziemlich beste Freunde”, das ist bei mir ein etwas anderes Modell und ich weiß, dass andere Assistenznehmer, andere Leute mit Körperbehinderung, die auch Assistenten haben, das teilweise sehr anders organisieren, aber mir war das eben immer sehr wichtig, dass ich da so eine Trennung habe.

Anna: Ja, das ist ja spannend. Das ist natürlich eine Frage, die ich mir oft gestellt habe. Wie lernt man denn so jemanden kennen, der eigentlich die ganze Zeit noch jemanden anders dabeihat. Ich bin jetzt sowieso nicht so der Mensch, der Leute auf der Straße anspricht, aber selbst wenn ich das machen würde, ist glaube ich so diese Präsenz der Assistenz nochmal ein Grund, das dann vielleicht doch nicht zu tun.

Kjell: Ja, ich finde, das ist wirklich schwierig. Weil es ja auch für mich aus meiner Perspektive was ist, worüber ich mir durchaus Gedanken mache und ich kann das total nachvollziehen. Ich glaub, ich würde auch, wenn ich mal Leute auf der Straße anspreche, eher jemanden ansprechen, der gerade nicht so aussieht, als wäre er da mit jemand anderem unterwegs. Von daher kann ich das total nachvollziehen. Und das sind für mich auch so Dinge, über die ich dann durchaus mal nachdenke und mir überlege, wie kann ich das machen, dass ich jetzt gerade meine sozialen Kontakte, mein soziales Umfeld, so organisiere, dass die Assistenten da sind, wenn ich sie brauche, aber jetzt nicht dieser Eindruck entsteht, dass man nie die Gelegenheit, jetzt mit mir allein zu sein oder unter vier Augen zu reden. Das ist mir immer ganz wichtig. Aber das hat ja noch so eine andere Dimension, also mit Assistenz, das bedeutet ja auch, dass trotzdem im Zweifel doch immer jemand irgendwie da ist. Da würde mich jetzt mal interessieren, Anna, wenn du dich damit beschäftigt hast, hattest du da irgendwie Vorbehalte, jemanden kennen zu lernen, der persönliche Assistenz hat?

Anna: Vorbehalte hatte ich nicht, denke ich. Also ich war schon von Anfang an, und das ist glaube ich auch eine Eigenschaft, die man Devs so generell zuschreiben kann, ziemlich informiert darüber, was das bedeuten würde und ich hab auch ganz viele Fragen gestellt in den Situationen, wo ich damit sozusagen mal in Berührung gekommen bin, sodass ich mir vorher ein relativ gutes Bild machen konnte, was das für denjenigen im Alltag dann bedeutet. Und deswegen hatte ich keine Bedenken, als es dann zum Beispiel zu Treffen oder zu längerem Kontakt kam. Ja, ich hatte auch keine Berührungsängste damit, würde ich sagen. Es war halt einfach eine andere Art von Leben. Klar, daran muss man sich vielleicht erstmal ein bisschen gewöhnen. Aber ich fand es vor allem spannend und hab das gar nicht so sehr als Nachteil gesehen, das muss ja auch nicht immer ein Nachteil sein. Ich glaube, das kann auch ein Vorteil sein. Allerdings muss ich auch sagen, dass es dann gar nicht immer nur positive Erfahrungen waren. Also trotz der Tatsache, dass ich vielleicht keine Vorbehalte hatte, kam es trotzdem teilweise zu kritischen Situationen, gerade jetzt in einer Partnerschaft. Da können wir vielleicht nachher noch was dazu sagen, was es da für Problematiken geben kann. Aber vielleicht kannst du erstmal was erzählen: Wie war das denn dann, als es zu einer festen Partnerschaft kam? Inwieweit hat dann die Assistenz dort eine Rolle gespielt?


Kjell: Ja, tatsächlich, also in einer festen Partnerschaft, war das für mich erstmal natürlich am Anfang ein bisschen schwierig, rauszufinden, wie das am besten geht. Ehrlicherweise habe ich mir zu dem Zeitpunkt gar nicht so große Gedanken darüber gemacht. Das war rückblickend vielleicht nicht so intelligent. Das hätte ich eventuell nochmal ein bisschen anders organisieren können. Aber mit meiner damaligen Partnerin hatten wir uns dann überlegt, dass wir gern zusammen leben wollen und zusammen in einer Wohnung auch leben wollen. Und dadurch, dass eben rund um die Uhr immer jemand da ist, gibt es natürlich Herausforderungen. Die Person ist ja dann auch irgendwo in der Wohnung. Die haben bei mir auch ein eigenes Zimmer, in dem sie sich aufhalten können. Also das heißt, man hat dann schon irgendwie so seinen Lebensbereich, aber trotzdem ist ja immer jemand im Haus und vor allem im Haushalt. Es gibt so zwei Dinge, die aus meiner Sicht einfach herausfordernd waren, zumindest jetzt in meiner persönlichen Erfahrung. Das ist einmal so die Frage nach: was sagt denn eigentlich ein Partner in Richtung Assistenten, insbesondere, ich würde das jetzt mal so als Einmischung beschreiben, dann zu sagen: “Naja, ich finde, der Assistent sollte jetzt mal das oder das tun.” Wo ich dann sage, das ist für mich irgendwie nicht die richtige Ebene, auf der wir da reden. Weil eigentlich verstehe ich meine Assistenten so ein bisschen als meine Hände, meine Füße, die Dinge, die ich selbst nicht machen kann, die machen halt meine Assistenten. Genauso verstehe ich die auch. Und wenn dann jemand anders kommt und sagt: “Ich finde, der Assistent sollte jetzt mal das und das und das machen” ist das für mich ein bisschen schwierig, weil eigentlich würde ich dann lieber angesprochen werden und gefragt werden: “Kjell, kannst du mal das und das und das machen”. Das hat zumindest mal zu so kleinen Konflikten geführt. Das ist so eine Ebene der Herausforderung.

Anna: Was hast du dann getan? Wie hast du die Situation gelöst? Gab es dann irgendwie einen Konsens?

Kjell: Ja, ich habe dann einfach gesagt, dass ich das so nicht möchte und gerne im Zweifel selber angesprochen werden will und tatsächlich hatte ich auch mal mit einer Frau zu tun, mit der ist es dann nicht zu einer festen Partnerschaft und einem Zusammenleben gekommen, und unter anderem ist es daran gescheitert, dass es mich einfach gestört hat, die Art und Weise, wie sie irgendwie sehr stark versucht hat, mir zu sagen, wie ich mit den Assistenten umgehen sollte. Da hatte sie irgendwie sehr klare Vorstellungen dazu. Das hat mich wirklich gestört. Und dann war das eben auch was, wo ich gesagt hab, okay, das passt einfach nicht. Aber ansonsten in der festen Partnerschaft war das kein so großes Thema.

Ein bisschen herausfordernder war die andere Richtung. Wenn sich dann Assistenten darüber beschweren, wie eine Partnerin dann in meinem Haushalt agiert oder nicht agiert. Das fängt ja bei so Kleinigkeiten an, wie, wenn die Assistenten das Verständnis haben, dass sie mir Hilfestellung leisten und dann beispielsweise irgendwo was aufzuräumen ist, was dann vielleicht nicht nur von mir verursacht wurde. Da gab es tatsächlich in der Vergangenheit dann mal Diskussionen, ob das jetzt Teil der Aufgabe der Assistenten ist oder eben nicht. Das fand ich sehr schwierig aufzulösen, weil das waren dann auf einmal drei involvierte Parteien: ich mit meinen Interessen, die Partnerin, und dann irgendwie ein Assistent. Ich hab mich da so ein bisschen zwischen den Fronten gefühlt und musste da immer vermitteln. Und das war eigentlich keine Rolle, die ich mir ausgesucht hatte oder die ich haben wollte. Die ist da so entstanden und ich hab natürlich beide Seiten irgendwie verstanden, aber hatte dann so den Eindruck, meine eigenen Interessen funktionieren da gerade gar nicht mehr, weil ich irgendwie einen Interessenausgleich zwischen zwei anderen Leuten betreiben muss. Das passte für mich auch nicht so ganz zu dieser Idee eines selbstbestimmten Lebens. Da war ich auf einmal wieder sehr fremdbestimmt. Und das hat für mich auch dazu geführt, dass ich dann mit einigen der Leute, die zu dem Zeitpunkt als Assistent tätig waren, mich entschieden hab, mit denen nicht weiter zusammenzuarbeiten.

Anna: Ja, ich kann mir vorstellen, dass das eine ganz schön heikle Situation ist, da wirklich die verschiedenen Interessen auszuloten und dass man dann gerade, wenn es im Leben halt auch eine Veränderung gibt der Situation, es wahrscheinlich schwierig ist, sich für alle beteiligten Parteien da wieder neu drauf einzustellen.

Kjell: Ja, total. Aber ich glaube, das ist sowieso ein bisschen kennzeichnend natürlich für so eine Assistenztätigkeit. Dass sich ja das Leben des Assistenznehmers im Zweifel verändert. Das sage ich eigentlich auch immer, wenn ich Leute da neu habe in dieser Tätigkeit. Dann sage ich denen, dass es einfach eine Tätigkeit ist, die sich auch verändert über die Zeit. Ich glaube, das muss einfach jedem bewusst sein, der so einen Job macht. Ja klar, es gibt dann auf einmal neue Menschen, die da ins Leben treten, es gibt vielleicht auch andere Veränderungen, Umzüge etc. Und darauf muss sich ein Assistent natürlich einstellen.

Anna: Gab es denn dann auch mal Diskussionen in die andere Richtung? Also wir haben jetzt über die Aufgaben gesprochen, die Assistenten machen sollten, die sie vielleicht vorher nicht gemacht haben. Gab es das denn auch, dass sie vielleicht Sachen jetzt abgegeben haben an deine Partnerin, die sie dann anstelle der Assistenten übernommen hat?

Kjell: Das ist tatsächlich eine ganz wichtige Geschichte, weil es aus meiner Sicht eine Frage ist, die sich sehr stark auch stellt, wenn man eine Dev als Partnerin hat, weil dann tatsächlich Dinge passieren, dass – ich meine, Anna, du kannst das vielleicht nachvollziehen – jemand dann sagt: “Hey, ich würde gern diese Tätigkeit übernehmen!” und ich hab mir das irgendwie vorgestellt, wie das wohl sein könnte. Darf ich das mal ausprobieren, dir zu helfen, beispielsweise eine Jacke an- oder auszuziehen? Also dass dann eine Partnerin auf einmal Teil einiger Aktivitäten sein möchte, die sonst Assistenten übernehmen. Das war für mich auch eine Lernerfahrung. War sehr interessant. Aber, wo wir da gerade darüber reden, Anna, wie ist denn das für dich? Möchtest du denn für behinderte Partner auch Hilfestellungen übernehmen?

Anna: Ja, stimmt, ich finde das auch total interessant, weil das auch eine Frage ist, die in meinen bisherigen Beziehungen durchaus auch mal eine Rolle gespielt hat. Ob und wie viel der Assistenz ich denn übernehme und ich muss sagen, da sind auch die Erwartungen sehr unterschiedlich gewesen. Also im Spektrum von: “okay, eigentlich, ist schön, dass du jetzt da bist, dann brauch ich ja die Assistenten nicht mehr, mach mal bitte alles” zu “Nee, also du bist ja jetzt hier nicht meine Assistentin, du musst überhaupt nichts machen” gab es da jetzt doch eine relativ große Bandbreite an Reaktionen, würde ich sagen. Die Devs, mit denen ich spreche, sind sich nicht einig, ob sie Assistenzaufgaben auch übernehmen wollen oder nicht. Eben auch, weil das, wie wir jetzt gerade schon gehört haben, ein ganz schön schwieriges Thema ist und irgendwie Konfliktpotenzial birgt. Aber ich muss sagen, dass es einige gute Gründe gibt, dass ich das gerne machen oder gern auch mache. Nicht alles und nicht immer, aber einfach halt, dass ich das auch machen kann. Das heißt, wenn man jetzt zum Beispiel mal zu zweit unterwegs ist, dass es einfach nicht nötig ist, immer jetzt jemanden dabei zu haben und es ja auch in den Situationen vielleicht viel schöner ist, dann mal noch eine, ja, exklusivere Zweisamkeit zu genießen als es der Fall wäre, wenn der Assistent halt immer hinter der nächsten Häuserecke wartet.

Kjell: Ja, ich glaube das ist tatsächlich ein ganz wichtiger Aspekt.

Anna: Und ich muss sagen, gerade als ich das erste Mal einen Partner hatte, der Assistenz hatte, hatte ich das Gefühl, dass ich sozusagen als “gute Dev”, als Partnerin, die mit der Behinderung kein Problem hat und eher im Gegenteil, dass irgendwie ganz toll findet, dass ich als gute Dev auch irgendwie alle Assistenzaufgaben übernehmen sollte. Und ich wollte das ja auch, ich wollte ja auch alles lernen und alles gut können. Aber ich muss sagen, wenn man da so von jetzt auf gleich da reingeworfen wird und es vorher noch nie gemacht hat, ist das auch sehr schnell überfordernd. Und das muss man auch erstmal vor sich selbst eingestehen, dass man da irgendwie ein bisschen an die Grenzen kommt. Das sollte dann vielleicht auch vom Partner kommen, dass dann beide einfach ein bisschen drauf achten, dass da eine gewisse Balance bewahrt wird und die Partner dann nicht nur zur “besseren Assistenz” verkommt. Ich denke, das ist eine Frage, die man nur individuell in der Partnerschaft klären kann. Wie viel ist jetzt das richtige Maß? Aber ich hab eben die Erfahrung gemacht, dass das gar nicht so einfach ist, dieses Maß zu finden.

Kjell: Es ist tatsächlich ein bisschen herausfordernd. Das habe ich auch so erlebt, gerade so dieses gemeinsam unterwegs sein, so Zweisamkeit. Klar, das ist schön, gerade wenn man jetzt längere Zeit mit einem anderen Menschen zusammenlebt, dann wird das ja auch so ein bisschen Alltag. Ich hab da zumindest für mich festgestellt, dass es gar nicht so leicht ist, das im Blick zu haben, wie es dem anderen damit geht und ob das jetzt was ist, wozu meine Partnerin jetzt in der Situation bereit ist, oder ob sie jetzt gerade eigentlich sagt: “Oh Mensch, ich würde heute gern echt mal mein eigenes Zeug machen und ich hab jetzt keine Lust, dir beim Jacke an- und ausziehen zu helfen. Das dauert lange und irgendwie fühle ich mich nicht danach.” Dann ist das natürlich ein bisschen blöd und ich hab dann auch für mich so die Erfahrung gemacht, dass es für mich auch blöd ist in so einer Situation, weil ich dann ja auf der einen Seite auf dieser Partnerebene jemandem das auch nicht zumuten will, wenn die Person das gerade nicht möchte und auf der anderen Seite ja auch auf die Hilfe angewiesen bin, also dann doch so ein bisschen in der Zwickmühle. Also es ist gar nicht so einfach und ich glaube, genau wie du sagst, Anna, es erfordert viel Kommunikation zwischen den beiden Beteiligten. Dass man einfach drüber redet und das nicht einfach stillschweigend voraussetzt, dass es so oder so sein sollte.

Anna: Ja. Und wie ist denn das, wenn dann die Partnerin oder du und deine Partnerin zusammen doch entscheidet, dass sie die ein oder andere Aufgabe übernimmt. Wie ist das für dich persönlich? Findest du das schön oder findest du das komisch? Es gibt ja sicher für beide Seiten Argumente. Also einerseits ist halt die Partnerin dann doch nicht die Assistentin, die dafür Geld bekommt und die man dann irgendwie mit harten Anweisungen zurechtweisen kann im Zweifel. Aber vielleicht hat das ja auch eine schöne Ebene. Dass es, ja, irgendwie emotionaler ist und irgendwie enger, als wenn es jetzt jemand macht, der dafür eben Geld bekommt.

Kjell: Ja, ich versuche sowieso mit so harten Anweisungen und allzu geharnischten Reaktionen auch mit meinen Assistenten nicht umzugehen. Aber das ist natürlich ein Aspekt. Es ist tatsächlich die Frage, wie selbstbestimmt kann man denn sein, wenn man jemanden hat, der einem auf einer persönlichen Ebene so nahe ist, dass einem dann möglichweise auch das eigene Wohlergehen so ein bisschen untergeordnet ist gegenüber dem Wohlergehen der Partnerin. Ich habe das tatsächlich ein Stück weit in meiner Kindheit so erlebt, das war jetzt natürlich nicht mit meiner Partnerin, sondern dann mit der Familie. Dass die Hilfestellung, die jetzt über eine persönliche Assistenz erfolgen, tatsächlich durch Familienmitglieder bei mir erbracht wurden. Das war wirklich eine extrem belastende Situation, diese gegenseitige Abhängigkeit, die auch so eine Eltern-Kind-Beziehung dann nicht so ganz einfach gemacht hat. Deshalb bin ich da immer so ein bisschen zurückhaltend, mich da jetzt völlig in die Abhängigkeit von jemandem zu begeben. Wenn jetzt ich jemanden kennen lernen würde, die Person sagen würde: “Du brauchst die Assistenten gar nicht mehr, ich mach das alles.”, das wäre für mich so eine absolute red flag, ich würde sagen: “Das geht nicht.” Das wird vielleicht eine Woche gut gehen und danach streiten wir uns und dann hat keiner was davon. Oder einer von uns muss dann immer zurückstecken. Das ist, glaube ich, nicht gut. Das ist so ein bisschen der Aspekt, der vielleicht nicht so schön ist. Aber es ist ohne jeden Zweifel wirklich so: wenn ich eine Partnerin habe, die diese Tätigkeiten gern übernimmt und ich weiß, dass sie das gerne übernimmt, dass es einfach ein tolles Gefühl ist. Also es entsteht dadurch ja so eine Ebene von Gemeinsamkeit. Etwas, wo ich den Eindruck habe, da ist mir jemand wirklich nahe. Also nicht nur körperlich nahe, sondern versteht auch, wie ich jetzt gerade bestimmte Situationen benötige, wie ich da Hilfe benötige, beispielsweise wenn ich am Tisch sitze und was essen will und meine Partnerin dann sieht: “Oh, die Gabel liegt zu weit weg” und das einfach erkennt in der Situation und die Gabel dann selbstständig mir dann in die Hand drückt oder in meine Richtung schiebt. Das ist natürlich toll, weil man da so das Gefühl, da versteht mich jemand, auch ohne Worte.

Anna: Ja, die Erfahrung hab ich auch gemacht, dass einfach diese Ebene nochmal ne ganz neue und intime Ebene ist, die zumindest ich jetzt in Beziehungen mit nicht-behinderten Partnern nicht gemacht habe. Also ich hab halt die Erfahrung gemacht, dass gerade die körperbezogene Hilfe natürlich nochmal ein ganz großes Plus an Intimität bringt, die man sonst in anderen Beziehungen nicht hat. Das ist total schön und hat für mich auch immer dazu geführt, dass so die emotionale Ebene sich nochmal gesteigert hat. Weil man einfach eine Verbundenheit hat, eine körperliche Verbundenheit in dem Fall dann auch, im Sinne von den Assistenztätigkeiten, die ich so in anderen Settings nicht erlebt habe. Und was ich mich dann frage, das kann ich jetzt natürlich nicht wirklich beantworten, ist natürlich, wie das jetzt andere, also Nicht-Devs, sehen, die in so einer Beziehung sind. Ob die auch diesen Zuwachs an Intimität und Emotionalität spüren durch das Ausführen von irgendwelchen Hilfen in dem Fall oder ob das für sie so eher dieses notwendige Übel und ja, mein Partner hat halt eine Behinderung, da mach ich das jetzt, das gehört dazu. Also wie dann wirklich das wahrgenommen wird von dem Partner.

Kjell: Also ich kann für mich auf jeden Fall sagen, dass es einen Unterschied macht, ob ich weiß, dass mir jemand jetzt gerade helfen möchte und vielleicht auch irgendwie eine emotionale oder sexuelle Komponente dadrin hat in diesem Wunsch, mir zu helfen. Das macht es natürlich einfacher, dann diese Hilfe auch anzunehmen. Gegenüber wenn ich den Eindruck habe, dass ich jemandem gerade zur Last falle. Und ich habe für mich zumindest in der Vergangenheit festgestellt, dass ich da einfach auch sehr aufmerksam geworden bin und versuche, das auch wirklich situativ zu trennen und rauszufinden, wie ist das jetzt gerade. Will meine Partnerin mir jetzt gerade helfen, weil sie das wirklich möchte, also im Sinne von sie hat da jetzt gerade Freude dran? Oder ist es eher so ein: naja, wenn es jetzt sein muss, dann kann ich das schon machen, aber ich hätte jetzt am liebsten gerade meine Ruhe. Und dafür auch so ein bisschen sensibel zu sein, das erfordert glaube ich ganz viel Vertrauen überhaupt so diese Partnerin als Hilfe bei so Alltagstätigkeiten, da muss man, glaube ich, erstmal sich reinfinden, das dauert eine ganze Weile. Man muss ja auch so ein Stück weit eine Routine entwickeln. Wenn die dann da ist, dann ist es, glaube ich, genauso wie du sagst, Anna, dass es einfach nochmal eine ganz andere Ebene von Hilfe ist, von jemandem, der einen auch im Zweifel viel besser kennt, als ein Assistent das jetzt täte.

Anna: Und das ist ja auch total schön, wenn man sagt, das entwickelt sich mit der Zeit. Dass man halt auch auf der Ebene sieht, dass eine Beziehung nicht statisch ist, sondern dass man sich zusammen entwickelt und im Zweifel halt sich auch dadurch nochmal näher kommt, was dann erst vielleicht nach einer gewissen Zeit passiert. Also das, finde ich, ist eigentlich eine total schöne Idee von Beziehung.

Du hattest vorhin gesagt, dass es manchmal schwierig ist, da die Grenzen zu setzen, wie viel darf die Assistenz machen, was macht der Partner, und dass du deine Assistenten eher nicht als beste Freunde siehst. Da frage ich mich jetzt noch, wie ist das denn dann, wenn du eine Partnerin hast, die dann vielleicht auch immer oder ab und zu vor Ort ist und die Assistenz ist irgendwie auch dabei. Wie viel dürfen die denn mitbekommen oder wie geht man dann in Intimsituationen damit um?

Kjell: Ja, das ist tatsächlich nicht so einfach. Die Leute kriegen ja sowieso so viel mit aus meinem persönlichen Leben, dadurch, dass sie einfach sehr viel da sind und mich auch in Situationen erleben, die man normalerweise vielleicht als Außenstehender nicht so mitbekäme, teilweise auch in sehr intimen Situationen, jetzt irgendwie beim Waschen oder ähnliches. Natürlich wird es auch einem Assistenten nicht entgehen, dass, wenn er dann in derselben Wohnung ist, wenn man dann Zeit allein verbringt mit der Partnerin. Es gibt da tatsächlich so eine kleine Anekdote, die kann ich hier vielleicht nochmal erzählen. Da hatte ich gerade begonnen, eine neue Partnerin zu daten und die war dann bei mir und hat bei mir übernachtet und wir haben dann uns ein bisschen im Bett vergnügt. Von uns beiden unbemerkt war ein Stück einer Verpackung von einem Kondom an meinem Körper kleben geblieben. Die Assistentin, die damals für mich gearbeitet hat, kam dann rein, um mir zu helfen, mich im Bett zu drehen. Eigentlich hätte das jetzt gar nicht groß Effekte gehabt und ich glaub, meine Assistentin hätte auch gar nichts mitbekommen, wäre es da nicht um dieses Stück Kondompackung gegangen, das eben noch an meinem Bauch klebte. Sie hat das zum Glück sehr professionell gehandelt und hat dazu irgendwie gar nichts weiter gesagt, hat das einfach stillschweigend abgepflückt und weggeworfen. Hat sich wahrscheinlich ihren Teil gedacht. Ja, klar, es ist schwierig, man ist dann in einer Situation, wo auf einmal fremde Leute möglicherweise Einblicke bekommen, die sie normalerweise nicht bekämen. Und was mir dann natürlich immer durch den Kopf geht, und das vielleicht als Frage an dich, Anna: Wäre das ein Problem für dich, wenn Assistenten irgendwie mitbekommen, dass du mit einem Partner gerade intim bist oder warst?

Anna: Ich glaub, das ist schon gar nicht so einfach. Das ist ja etwas, was man sonst nicht gewöhnt ist, wenn man mit jemandem intim ist, ist das meistens was, was sich andere Leute vielleicht denken, weil sie irgendwie möglicherweise im selben Haushalt wohnen und sich denken: Naja, gut, die sind jetzt schon eine Weile da zusammen im Zimmer und ich hab nichts mehr von denen gesehen oder gehört. Aber man bekommt es halt, also es ist sonst nicht der Fall, dass eine dritte Person das so unmittelbar mitbekommt. Und ich denke, da geht es jetzt nicht um diese Intimtität, sondern zum Beispiel auch darum, wenn die Assistenten in der Wohnung sind, dann sehen die einen vielleicht auch mal mit wenig Klamotten oder überhaupt sehen halt mehr, als wenn man ihnen auf der Straße begegnen würde, sie dann sehen würden. Ich glaub, das ist schon eine Sache, an die man sich gewöhnen muss. Die man vielleicht auch am Anfang mal besprechen muss, wie das gehandhabt werden soll. Ich glaube, mir hilft es, dabei zu wissen, dass das mit der Assistenz wirklich eine eher professionelle Beziehung ist. Weil ich dann davon ausgehe, dass sie ja schon dem Arbeitgeber gegenüber so loyal sind, dass da jetzt keine Information an die Außenwelt dringt, die auch in anderen Situationen nicht an die Außenwelt dringen sollte. Ich glaube, wenn man das eher so auf dieser Besten-Freunde-Ebene hätte, wäre es für mich ein bisschen schwieriger, weil ich dann befürchten würde, dass irgendwelche Kommentare an Stellen landen, wo ich sie eher nicht so gerne hätte.

Kjell: Das kann ich total nachvollziehen und das ist für mich ja auch so ein bisschen der Grund, warum ich gesagt habe, ich möchte gern, dass ich meine Assistenten ein Stück weit aus sozialen Situationen raushalte. Das ist für mich diese professionelle Distanz, die irgendwie dazugehört, damit ich mein Leben selbstbestimmt und unabhängig leben kann. Das klingt vielleicht manchmal so ein bisschen komisch, dass da Leute rund um die Uhr bei mir sein und ich mit denen jetzt eigentlich gar nicht so viel zu tun hab auf so einer persönlichen Ebene. Aber ich glaube, ohne diese Trennung hätte ich einfach Angst, dass sich auch Assistenten zu sehr in mein Privatleben einmischen. Solange ich da in einer Rolle als Auftraggeber auftrete und sagen kann: “Ich möchte das jetzt aber so haben” passiert das aus meiner Sicht weniger leicht, als wenn das jetzt so beste Freunde sind, die irgendwie mit mir sich über alles austauschen und immer alles irgendwie wissen und kommentieren. Genau wie du das sagst, also jetzt nicht nur getrieben aus der Motivation durch andere, dass die das dann nicht erleben, sondern auch in erster Linie durch mich selbst, weil ich sage: ich möchte das auch nicht, ich möchte nicht irgendwelche blöden Kommentare und Sprüche zu meinem Privatleben von denen hören. Weil am Ende des Tages nimmt mir das ein Stück weit die Freiheit, eben so selbstbestimmt zu leben, wie ich das möchte.

Anna: Ja, und ich würde sagen, abschließend die Frage nach Assistenz ist schon eine Thematik, die jetzt sozusagen im zweiten Schritt eigentlich schon von außen an die Beziehung herangetragen wird, in denen einer oder beide Partner eine Behinderung haben. Auf jeden Fall kann man auch zu solchen Beziehungen noch viel mehr sagen, was jetzt ganz abgesehen von dem Vorhandensein von Assistenz besonders ist in einer interablen Partnerschaft. Genau darum wird es in der nächsten Folge auch nochmal etwas allgemeiner gehen, um den Alltag, um mögliche Besonderheiten. Und seid deswegen also auf jeden Fall wieder mit dabei. Und falls ihr Fragen habt oder euch irgendein spezielles Thema besonders interessiert, dann schreibt es uns in die Kommentare auf unserer Webseite rollirotik.com oder schreibt uns einfach eine Mail. Und damit würde ich sagen: Bis zum nächsten Mal!

Kjell: Tschüß!

2 Kommentare

  1. Danke euch beiden für diesen wundervollen Podcast – wirklich das Beste, was ich zu dieser Thematik bis jetzt gefunden habe. Ich bin selbst ein Amelo und ihr beide schafft es mit euren Ausführungen und den Worten, wie ihr mit dem Thema umgeht, so sehr mich zu berühren weil es exakt die Gedanken und Gefühle sind, die ich selbst erlebe. Insbesondere diese besondere Körperbezogene Intimität, die durch Hilfe bei Alltagstätigkeiten in einer Beziehung entsteht und diese in meinen Augen auch so fundamental von einer Beziehung, in der kein Partner eine körperliche Behinderung hat, unterscheidet habt ihr so schön beschrieben und sprecht mir da wirklich aus dem Herzen. Genau das ist es auch was es für mich ausmacht. Für mich als Mann mit einer Neigung zu Frauen mit einer Behinderung finde ich auch eure Rollenverteilung total interessant, da ich es in meinen Erfahrungen bis jetzt größtenteils andersherum erlebt habe und es super spannend ist mal aus der anderen Geschlechterperspektive Diese Eindrücke und Erfahrungen zu hören. Bin schon total gespannt auf die nächsten Episoden! 🙂

    1. Vielen lieben Dank für deinen tollen Kommentar! Ich freue mich sehr, dass du dich in unseren Gesprächen gut repräsentiert fühlst. Es ist mir wichtig, Devness/Amelos hier ehrlich darzustellen. Und das vor allem eben auch mit allen schönen Seiten, die diese Neigung haben kann, und über die nicht so häufig gesprochen wird. Ich habe selbst erlebt, was für ein großer Unterschied das für mich sein kann, Menschen und vor allem einen Partner mit Behinderung im Leben zu haben. Ich glaube, das kann für beide Seiten eine wunderbare Erfahrung sein und ist emotional, zumindest in meinem Erleben, mit kaum etwas zu vergleichen.
      Und: Die nächsten Episoden kommen auf jeden Fall :).

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